Nachlese: Vortragstour September

Einige der Broschüren, die zur Vortragstour im September von black-mosquito gedruckt wurden sind nun dort online bestellbar.

Ihr findet sie hier.

Vorträge im September 2016

Vortragstour mit einem Agenten von CrimethInc Ende September 2016.
Die Vorträge werden auf englisch gehalten, es wird dabei drauf geachtet, dass es ein einfach verständliches Englisch ist.
Hier der Ankündigungstext (deutsch weiter unten):

Democracy or Freedom?
CrimethInc. ex-Workers’ Collective

What’s the difference between democracy and anarchy? The failings of the political system are obvious enough. But is the problem too little democracy, or too much?

From the Democratic People’s Republic of Korea to David Graeber and Noam Chomsky, nearly everyone claims to be democratic. In this provocative presentation, we will discuss what ties all these different understandings of democracy together and what sets anarchism apart. Reviewing how the movement of the squares, Occupy, Nuit Debout, and other recent upheavals have been shaped by democratic rhetoric and practices, we will consider other ways to understand what we are doing together when we make decisions.

This discussion builds on a series exploring the anarchist critique of democracy, recently published by CrimethInc.

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Demokratie oder Freiheit?
Worin besteht der Unterschied zwischen Anarchie und Demokratie? Das Scheitern des politischen Systems ist mehr als deutlich. Aber liegt das Problem in zu wenig oder zu viel Demokratie?

Von der Demokratischen Volksrepublik Korea bis zu David Graeber und Noam Chomsky behauptet nahezu jede*r von sich demokratisch zu sein. In diesem provokativen Vortrag werden wir darstellen, was all diese verschiedenen Verständnisse von Demokratie verbindet und was den Anarchismus davon unterscheidet. In einem Rückblick werden wir darstellen wie die Bewegungen der Plätze, Occupy, Nuit Debot und andere Unruhen der letzten Zeit von demokratischer Rhetorik und Praxis geprägt wurden. Wir werden Alternativen in Betracht ziehen um zu verstehen was wir tun, wenn wir gemeinsam Entscheidungen treffen.

Der Vortrag basiert auf einer vor kurzem von CrimethInc veröffentlichten Textreihe über anarchistische Demokratie-Kritik. Die deutschsprachige Übersetzung der Textsammlung ist in Planung.

TERMINE:

13.09. – Dresden, Libertäre Tage – Diskussion zu Warum wir keine Forderungen stellen.

14. – 22.09. CrimethInc. in Nederland
14.09. – Amsterdam, MKZ
15.09. – Rotterdam, Poortgebouw
16.09. – Den Haag, Autonoom Centrum
21.09. – Tilburg, Raakveld
22.09. – Nijmegen, De Klinker

23.09. – Dortmund, Black Pigeon
24.09. – Bremen, Infoladen
26.09. – Hamburg, HAW (Raum 3.09, Alexanderstr. 1)

24.10. – Hamburg, HAW (Raum 3.09, Alexanderstr. 1) – Lesung aus Work.

Anarchismus & Alkohol

Betrunken, dicht, zu, berauscht, blau, breit, voll, besoffen, knülle. Jeder hat von den Inuit gehört, die einhundert Worte für Schnee haben; wir haben einhundert Worte für betrunken. Wir verewigen unsere eigene Kultur der Niederlage.

Ich sehe das Grinsen auf deinem Gesicht: Sind diese Anarchist*innen so verspannt, dass sie über den einzig spaßigen Aspekt des Anarchismus urteilen – das Bier nach dem Krawall, den Alkohol in der Kneipe, wo all diese leeren Versprechungen verbreitet werden? Was machen die überhaupt um Spaß zu haben – ein schlechtes Bild werfen auf den bisschen Spaß, den wir haben? Können wir nicht einen Moment entspannen und eine gute Zeit haben?

Versteht uns nicht falsch: wir sprechen uns nicht gegen Genuss aus, sondern für ihn. Ambrose Bierce definiert einen Asketen als „eine schwache Person, die der Versuchung erliegt, sich selbst Vergnügen vorzuenthalten“. Wir stimmen zu. Chuck Baudelaire schrieb, du musst immer high sein – alles hängt davon ab. Also sind wir nicht gegen das betrunken sein, aber gegen das Trinken! Alle die trinken, um betrunken zu werden, verwehren sich ein wundervolles Leben.

Koffein oder Zucker ersetzen nur Stoffe, die das Leben selbst erzeugen kann. Der Mensch, der niemals Kaffee trinkt, braucht ihn nach dem Aufstehen nicht: der Körper produziert Energie und weiß diese gezielt einzusetzen. Wenn mensch regelmäßig Koffein zu sich nimmt, übernimmt der Kaffee nach kurzer Zeit diese Funktion und mensch wird abhängig. So sorgt Alkohol künstlich über einen kurzen Zeitraum für Entspannung und Erleichterung während all das verkümmert, was das Leben wirklich erholsam und befreiend macht.

Wenn manche abstinenten Menschen in dieser Gesellschaft nicht so unbekümmert und frei erscheinen wie ihr betrunkenes Pendant, ist dies ein reiner Zufall der Kultur, nichts mehr als Indizien. Diese Puritaner existieren in derselben Welt, in der sich durch den Alkoholismus ihrer Freunde, jede Magie und jeder Schöpfergeist aufgelöst haben, unterstützt von Kapitalismus, Hierarchien und dem Leid, die der Alkohol mit aufrecht hält. Der einzige Unterschied ist, dass sie die Dreistigkeit besitzen sich sogar der falschen Magie und des Geistes aus der Flasche zu verwehren. Andere „nüchterne“ Personen, solche die eher in Ekstase leben, gibt es reichlich, wenn du genau hin schaust. Für diese Personen – für uns – ist das Leben eine dauerhafte Feier, die keine Steigerung braucht und von der wir keine Erholung brauchen. Alkohol, Antidepressiva und andere stimmungsverändernde Drogen, die dem Staat viel Geld einbringen, ersetzen eine symptomatische Therapie, die die Krankheit beseitigt, nicht aber deren Ursache. Es nimmt dem stumpfen, düsteren Dasein den Schmerz für eine kurze Zeit und bringt ihn dann mit doppelter Wucht zurück. Drogen ersetzen nicht nur positive Handlungen, die sich an die Wurzel unserer Verzweiflung richten – sie verhindern sie, da mehr Energie darauf gezielt wird, den Zustand des Rauschs zu erreichen und sich anschließend wieder von ihm zu erholen. Wie der Urlaub bei dem*der Arbeiter*in, dient Alkohol als ein Ventil, über das Dampf abgelassen wird, während das System das ihn erzeugt aufrechterhalten bleibt.

In dieser kalten automatisierten Gesellschaft haben wir uns daran gewöhnt, wie Maschinen zu funktionieren, die bedient werden: füge die notwendige Chemikalie zur Gleichung um das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Für unsere Suche nach Gesundheit, Freude, dem Sinn des Lebens, rennen wir von einem Wundermittel zum anderen – Viagra, Vitamin C, Vodka – anstatt unser Leben ganzheitlich und unsere Probleme an der sozialen und ökonomischen Wurzel anzugehen. Dies konsumorientierte Denkweise ist das Fundament unserer entfremdeten Konsumgesellschaft: ohne Produkte zu konsumieren, können wir nicht leben! Wir versuchen Entspannung, Gesellschaft und Selbstbewusstsein zu kaufen – jetzt kommt sogar Ekstase durch das Schlucken von Ecstasy!

Wir wollen Ekstase als eine Lebenseinstellung, nicht als eine leberzerstörende Erholung von unserem Leben. „Das Leben ist scheiße, werde betrunken“ ist der Kern des Arguments, das wir von unseren Meistern hören. Wir wiederholen es selbst, aufgrund irgendwelcher beiläufiger und unwichtiger Wahrheiten, auf die es sich vielleicht bezieht – aber wir fallen nicht länger darauf rein! Gegen die Trunkenheit und für den Rausch! Brennt die Schnapsläden nieder und errichtet Spielplätze! Für eine ekstatische Nüchternheit!
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