crimethInc. http://crimethinc.blogsport.de Texte des crimethInc. Collectives Wed, 26 Jul 2017 16:29:32 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en „Solidarität mit der Polizei!“ http://crimethinc.blogsport.de/2017/07/17/solidaritaet-mit-der-polizei/ http://crimethinc.blogsport.de/2017/07/17/solidaritaet-mit-der-polizei/#comments Mon, 17 Jul 2017 17:57:28 +0000 Administrator Allgemein http://crimethinc.blogsport.de/2017/07/17/solidaritaet-mit-der-polizei/ „Solidarität mit der Polizei“

Über die Ausreden, die die Polizeigewalt in Hamburg legitimieren sollen.

Wenn die Regierung 20.000 Polizist_innen in einer Stadt versammelt, um Demonstrationen mit Gewalt zu unterdrücken und die Menschen sich in Reaktion darauf verteidigen, braucht es schon eine ordentlich faschistoide Grundhaltung, um zu argumentieren, dass das Problem der „Linksextremismus“ ist. Dies ist schierer Opportunismus. Die verwendete Strategie ist einfach: verbreite Angst, terrorisiere die Bevölkerung und wenn es jemand wagt Widerstand zu leisten, dann verwende dies als einen Vorwand, um noch mehr gewalttätige Repression zu fordern. Jede_r, die/der in Hamburg war, weiß, dass es die Polizei war, die zuerst zugeschlagen hat, als sie fast eine Woche vor Beginn des G20-Gipfels grundlos Übergriffe durchführte.

Sicher, einige Anarchist_innen und andere Gegner_innen des Totalitarismus waren von außerhalb angereist, um die lokalen Vorbereitungen gegen den G20-Gipfel zu unterstützen. Viele Menschen betrachteten es als ungerecht, dass der Gipfel einer Stadt aufgezwungen wurde, die ihn nicht wollte – ein typisches Beispiel dafür, wie das Regelwerk der G20 unwilligen Bevölkerungen aufgezwungen wird. Und nachdem mensch die Polizeiarbeit während des G20 sehen konnte, wer könnte es jemandem übel nehmen, Solidarität mit den Bewohner_innen Hamburgs zeigen zu wollen?

Aber – hätten tausend „Linksextremisten“, bewaffnet mit nichts als den Steinen unter ihren Füßen, 20.000 von Kopf bis Fuß gepanzerte und mit Wasserwerfern ausgerüstete Polizist_innen besiegen können? Selbstverständlich nicht. Es brauchte zehntausende von Menschen, um die Polizei zurückzudrängen – und eine große Anzahl von ihnen waren Hamburger Bürger_innen, und keine „Linksextremisten“. Auch wenn einige Menschen mit der Absicht zu den Demonstrationen gekommen waren Dinge zu zerstören, konnte sich die Lage nur so weit zuspitzen, weil so viele „normale Menschen“ mitgemacht haben.

Viele der Menschen, die an den Kämpfen in Hamburg teilgenommen haben, sind nicht als erklärte Gegner_innen der Polizei zum G20 gekommen. Erst als sie die Gewalt und das unfaire Verhalten der Polizei am Donnerstag, den 6 Juli sahen, verstanden sie, dass sie sich für eine Seite entscheiden mussten. Deshalb war der Widerstand am Freitag, den 7. Juli, in der zweiten Nacht der Zusammenstöße so viel stärker. Samstag Nacht, am Ende des 8. Juli, hatten die meisten Aktivist_innen bereits die Straßen verlassen und nur die Hamburger_innen, die in den vorangegangenen 48 Stunden in den Konflikt gezogen worden waren, blieben noch übrig.

Trotz all dessen versuchen Politiker_innen, Mainstreammedien und Rechtspopulisten die Reaktionen, die durch die unbarmherzige polizeiliche Repression hervorgerufen wurden, zu verwenden, um eben diese Repression im Nachhinein zu rechtfertigen. Der Bürgermeister Hamburgs Olaf Scholz ging sogar so weit zu behaupten, dass es keine Polizeigewalt gegeben habe. Sie lügen dich unverblümt an: zynischer weise gehen sie davon aus, dass du nicht in Hamburg warst und dass du alles glauben wirst, was sie dir erzählen. Zum Beispiel wissen alle, die in der Nacht des 7. Juli im Schanzenviertel waren, als die Polizei für ein paar Stunden aus dem Viertel gedrängt wurde, dass es innerhalb der Barrikaden viel sicherer war als in den Stadtteilen, in denen die Polizei weiterhin Menschen angegriffen hat. Als die Polizei zurück in das Viertel kam, berichten Sanitäter_innen davon, dass sie und die Verletzen, die sie gerade in einem Haus versorgten, mit scharfen Waffen bedroht wurden. Nichtsdestotrotz: wenn Politiker_innen und Mainstreammedien von „Gewalt“ sprechen, meinen sie damit nicht Polizisten die drohen Leute zu erschießen. Sie meinen auch nicht Tränengasgranaten, Wasserwerfer, Pfefferspray, Polizeikessel oder Polizist_innen, die Gefangene schlagen. Sie meinen die Reaktionen der Menschen auf diese Dinge.

In diesem Sinne nannte die konservative Bild die Polizei „Helden“, um ihren fragwürdigen öffentlichen Dienst zu würdigen, bei dem sie jeden Befehl, Menschen brutal anzugreifen, ausführten, um ihr Gehalt zu erhalten – und forderte ihre Leser_innen dazu auf „Solidarität mit der Polizei“ zu zeigen.

Solidarität mit der Polizei! Nimm einen Knüppel und verprügle dich selbst! Öffne einen Hydrant, halte dein Gesicht rein und spiele Wasserwerfer! Nimm scharfes Chili und reibe es dir ins Auge! Lege die Straßen in deiner Nachbarschaft still, halte deine Nachbar_innen in ihren Häusern gefangen – und verlange dafür Geld! Und dann überreiche dir selbst eine Medaille dafür, dass du so ein guter Bürger bist!

Die Bild animierte ihre Leser_innen dazu Geld für die Polizei zu sammeln. Es scheint also nicht ausreichend zu sein, dass diese Schläger, die herum rennen und Leute schlagen und einpfeffern, bereits von deinen Steuern bezahlt werden – nein, sie verdienen anscheinend sogar noch mehr Geld. Vielleicht sollte noch wer eine Solidaritätskampagne mit den G20 AnführerInnen organisieren, damit wir alle Donald Trump noch ein bisschen extra Geld aus unserer eigenen Tasche geben können? Sicher werden die Milliardäre und die ihnen dienenden Polizisten nicht genug Geld haben, bis jeder einzelne Cop in seinem eigenen Wasserwerfer durch die Gegend fahren und die Welt in Pfefferspray einnebeln kann.

An anderer Stelle in der Bild erfahren wir, dass fast 500 Polizist_innen während des G20 verletzt wurden. Das ist eine reine Lüge: relativ schnell kam heraus, dass es sich nur um 231 verletzte Polizist_innen handelte, von denen nur 21 nicht direkt wieder ihre Pflicht ausüben konnten. In dieser Statistik sind zudem 130 Polizisten aus Hessen enthalten, die in ihr eigenes Gas rannten. Es wird nun Mitgefühl von uns erwartet für Polizisten, die sich mit den selben Waffen verletzen, die sie gegen alle anderen anwenden, wobei sie die einzigen sind, die staatlich bezahlte Schutzkleidung dagegen trugen!

Was ist mit den anderen 101 verletzten Polizist_innen? Es wäre spannend zu erfahren wie viele davon sich selbst beim Schlagen, Treten oder auf der Jagd nach Demonstrant_innen verletzt haben – und wie viele von denen durch „friendly fire“ ihrer Kollegen verletzt wurden. Und nochmal: dabei waren sie alle durch eine mehrere tausend Euro teure Ausrüstung geschützt, im Gegensatz zu den Opfern ihrer Angriffe.

In jedem Fall – wenn es so gefährlich ist, herum zu rennen und eine größtenteils unbewaffnete Bevölkerung brutal einzupfeffern und einzuschüchtern, dann wäre es vielleicht besser es einfach bleiben zu lassen. Wenn die Autoritäten wirklich um das Wohlergehen ihrer Beamten besorgt wären, dann hätten sie sie vielleicht nicht dazu bringen sollen die Zivilbevölkerung zusammen zuschlagen.

Die selbe verlogene Bild interviewt einen Polizisten, der angibt während der G20 Proteste nur eine Stunde in zwei Nächten geschlafen zu haben. Das wirklich verwunderliche daran ist, dass überhaupt einer dieser Polizisten je schlafen kann! Wenn sich irgendeine_r von uns als Söldner_in verkaufen würde und dann die Zivilbevölkerung schlagen und demütigen müsste, würde unser Gewissen dafür sorgen, dass wir kein Auge mehr zu kriegen, in keiner Nacht.

Wir können hier die Folterknechte dabei beobachten wie sie Sympathien für einen Nietnagel beim zuschrauben der Daumenschraube erwarten – den großen Inquisitor, der sich darüber beschwert sich beim Anzünden einer Hexe den Finger verbrannt zu haben. Sicherlich ist es ein harter Job, wenn mensch die ganze Zeit ein Arschloch zu allen sein muss – aber niemand muss Bulle sein.

Es steht fest, dass die Welt der G20 ohne Gewalt wie diese gar nicht erst möglich wäre. Es lässt sich keine äußerst unpopuläre Ordnung ohne Tränengas und Wasserwerfer aufzwingen. Die Polizeigewalt in Hamburg hat gezeigt, dass Merkel und Macron keine wirkliche Alternative zu Trump, Putin und Erdogan darstellen. Sie alle verlassen sich auf die selben Polizeitaktiken, auf die Ausübung brutaler Gewalt. Die Erfahrungen auf der Empfängerseite ihrer Regierungen werden immer identischer: steigende Überwachung, Kontrolle und Brutalität.

Also – wenn du siehst wie Sturmtruppen Menschen verletzen, identifizierst du dich dann mit den Sturmtruppen oder den Menschen? Dies ist eine der wesentlichen politischen Fragen des 21. Jahrhunderts. Auf der einen Seite versammelt diese Frage Politiker_innen und Expert_innen aller Richtungen, zusammen mit Polizisten und erklärten FaschistInnen. Auf der anderen Seite versammelt sie Anarchist_innen, Rebellen und gewöhnliche Menschen, die die Tyrannei auf der Straße ablehnen.

Die Fronten sind klar.

“Fenster klirren und ihr schreit, Menschen sterben und ihr schweigt!”

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Die Razzia im G20 Camp: Eine Fabel von Gewalt und Betrug. http://crimethinc.blogsport.de/2017/07/04/die-razzia-im-g20-camp-eine-fabel-von-gewalt-und-betrug/ http://crimethinc.blogsport.de/2017/07/04/die-razzia-im-g20-camp-eine-fabel-von-gewalt-und-betrug/#comments Tue, 04 Jul 2017 09:15:29 +0000 Administrator Allgemein http://crimethinc.blogsport.de/2017/07/04/die-razzia-im-g20-camp-eine-fabel-von-gewalt-und-betrug/

Was die Razzia über die kommenden Polizeistaaten aussagt.

Die Woche des Widerstands gegen den G20 Gipfel in Hamburg hat einen aufschlussreichen Start hingelegt. Ein langer Kampf vor den Gerichten endete vor dem Bundesverfassungsgericht, welches dem Antikapitalistischen Camp das Recht zusprach eben dieses in Hamburg zu errichten. Als das Camp schließlich anfing dieses Recht auszuüben, blockierte die Polizei dennoch den Zugang zum Park und verstieß direkt gegen den Gerichtsbeschluss. Nachdem die Menschen später auf das Gelände gelassen wurden, wurde dies von einem massiven Polizeiaufgebot gestürmt, die Campenden angegriffen und eingekreist, einige ihrer Besitztümer wurden beschlagnahmt. Der folgende, persönliche Bericht illustriert die Welt, die die G20 repräsentieren – eine Welt in der „friedlicher Protest“ und Gerichtsverfahren nur zur Ablenkung der Naiven dienen und in der im Endeffekt die Launen der Sicherheitskräfte bestimmen. Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Leute vorbereiten um sich dem G20 zu widersetzen.

Was im Entwerder Park passiert ist.

Die passive Demonstration gemeinnütziger Organisationen am Sonntag war explizit nicht gegen die Herrschenden des G20 gerichtet, sondern lediglich ein Appell an ihre Politik – als ob bloßes Schilder hochhalten irgendeinen Einfluss auf die Politik von Staaten haben könnte. Die wirklichen Demonstrationen sind später diese Woche, während des Gipfels selber, angekündigt.

Wir kommen am späten Nachmittag zum Entwerder Park. Hunderte motivierte Camper*innen haben sich an den Toren des Parks versammelt und werden von Ketten hochgerüsteter Polizist*innen abgehalten. Die Polizei hat die angrenzende Gegend mit Panzerfahrzeugen überschwemmt, blockiert die Straße und stoppt jedes Fahrzeug zukünftiger Camper*innen und auch von allen anderen, die ihnen verdächtig erscheinen. Die Camper*innen haben eine temporäre Versammlung vor den Toren aufgebaut, es gibt leckeres Gulasch für alle die wollen und es wird beratschlagt was zu tun ist. Es gibt eine beachtliche Wut darüber, dass die Polizei die Anweisungen des Gerichts – uns in den Park zu lassen – missachtet, konkrete Handlungsvorschläge gibt es allerdings nicht. Trotz der polizeilichen Rhetorik von „Gewalttätern“ und „Krawallmachern“ war keine*r von uns auf eine Konfrontation vorbereitet.

Es macht keinen Sinn darüber mit den Polizist*innen selber zu diskutieren. Ihre Ausdrücke sind leer: Ihre leeren Augen starren durch uns durch als ob wir nicht da wären. Die Rekrutierungswerbung auf den Panzerfahrzeugen zeigen hippe, junge Deutsche mit androgynen Haarschnitten und merkwürdig gefühllosen und gleichzeitig desinteressierten frischen Gesichtern. Ich errege die Aufmerksamkeit meiner Freund*innen, zeige auf das Poster und meine ‚vorher‘, um dann auf einen ergrauten, älteren Polizisten zu deuten, in dessen gequälter Visage sich die Konsequenzen des jahrelangen Gehorchen abzeichnen, und schließe mit ‚danach‘.
Die Polizei geht weiter resolut vor und etabliert neue Kontrollpunkte an der Straße zum Tor. Sie stellen sich in mehreren Reihen in den Weg um jede*n abzuhalten, der*die den angehenden Camper*innen mehr Essen bringen will – augenscheinlich wirft wer Äpfel über ihre Köpfe hinweg zu den Camper*innen. Miese Terroristen sind das!
Eine Hamburgerin erzählt mir, dass dies, obwohl diese Woche Polizei aus ganz Deutschland hier sein wird, die lokale Hamburger Polizei ist. Sie kennt sie persönlich von Demos in Hamburg – einer von ihnen brach ihr den Kiefer, um darauf hin sie wieder bei einer späteren Demo zu schlagen.
Wir schwärmen in der Gegend aus um nach anderen Zugängen zu der Versammlung vor dem Tor zu suchen. Es gibt tatsächlich einige Wege, die von der Polizei ungeachtet blieben. Statt sich auf die Orte zu konzentrieren, die sie blockieren oder apathisch rum zu sitzen, sollten wir versuchen an den Rändern zu suchen, außerhalb ihrer Aufmerksamkeit. Sie werden niemals alles komplett kontrollieren können.
Als wir jedoch schlussendlich zum Eingang des Parks zurück kehren, hat sich die Polizei zurück gezogen. Die Polizist*innen, die in kleinen Gruppen am Rand des Torweges stehen sehen ein bisschen kleinlaut aus, während Camper*innen freudig an ihnen vorbeiziehen. Hat nach alledem der Chef der Cops nachgegeben und sich darauf besonnen das Gerichtsurteil auszuhalten? Wir applaudieren als einer der Wagen mit Versorgungsgütern an uns vorbei durch das Tor fährt. Die Fahrer*innen hatten stundenlang, umzingelt von Riotcops, gewartet.
Freudige Camper*innen, die bereits ein großes Zelt aufgebaut hatten, nehmen dieses an jeder Stange und transportieren es als Ganzes über die Schwelle des Tors in den Park. Dies ist die lebendige und heitere Welt, die wir hoffen aufzubauen.

Auf dem Weg in den Park passieren wir dutzende weitere Panzerfahrzeuge und einige weitere Hundertschaften der Riot-Polizei, die brav in Formation stehen. Uns beginnt klar zu werden, wie viele von ihnen sich hier versammelt haben. Einige Gruppen von ihnen umzingeln das Feld im Park auf dem das Camp entstehen soll. Nichtsdestotrotz herrscht feierliche Stimmung während Leute das Gebiet eröffnen. Die praktisch denkenden Protestler*innen haben schon einiges an Baumaterialien vorbereitet. Wir essen, reden und spekulieren was die Woche wohl bringen wird. Als es beginnt Nacht zu werden, ziehen sich die Polizist*innen in Richtung der einzigen Zufahrt vom Feld zurück. Hauen sie endlich ab? Werden die Campenden endlich ein bisschen Zeit haben zu relaxen und zur Ruhe zu kommen?
Nein – sie hauen nicht ab. Sie sammeln sich am Ende des Feldes, auf dem Weg Richtung Tor.
Einige von uns gehen rüber um einen Blick zu riskieren. Es sind inzwischen hunderte, identisch in ihrer Ausrüstung und Reihe nach Reihe nach Reihe aufgestellt. Pistolen, Knüppel und Pfefferspray hängen an ihren Gürteln. Sie stecken alle von Kopf bis Fuß in hochmoderner Sicherheitsrüstung, jeweils im Wert mehrere tausend Euro, gezahlt vom pflichtbewussten Steuerzahler*innen, die sich nicht genau dafür interessieren, was Deutschland alles mit ihrem hart verdienten Einkommen anstellt. Die Polizisten im Hintergrund haben sich bereits ihre Helme aufgesetzt.
Sie stellen ein Panzerfahrzeug mit Lautersprecheranlage vor ihre erste Reihe. Menschen mit Erkrankungen oder traumatischen Erlebnissen geraten bei der Suche nach Auswegen aus dem Park in Panik. Der Rest von uns geht nach vorne. Keine*r von uns ist erpicht darauf schon am Anfang der Woche festgenommen zu werden, wir wissen aber auch, dass, wenn wir jetzt Angst zeigen, wir die Polizei nur daran bestärken werden die gesamte restliche Woche Demonstrant*innen zu schikanieren und anzugreifen. Wir entscheiden uns nicht dafür ein Camp zu verteidigen – wir entscheiden uns dafür unsere Möglichkeit überhaupt zu demonstrieren zu verteidigen. Wenn wir den zugeworfenen Fehdehandschuh nicht aufnehmen, geben wir unsere Freiheit auf.
Eine Durchsage kommt kreischend durch die Boxen auf dem Polizeiwagen: ein Mann mit hoch-klingender, nasaler Stimme bedroht uns. Die Leute pfeifen und schreien ihn zurück an. Einer der Campenden macht eine Gegen-Durchsage von dem Wagen mit dem Soundsystem und die Leute applaudieren.
Die Polizei macht eine zweite Durchsage. Die Anspannung steigt in der aufkommenden Dunkelheit: werden wir alle in den Knast kommen? Dann machen sie eine dritte Durchsage und die Sturmtruppen marschieren ein. Wir hören die widerlichen Geräusche, von ihren Stiefeln die im Einklang auf den Boden stampfen.
Wir sammeln uns um den Lautsprecherwagen und die Zelte, bilden eigene Ketten. Die Polizei marschiert um uns herum, umzingelt uns und kommt dann näher. Sie erreichen den Lautsprecherwagen und greifen die Leute um ihn herum an. Das Chaos sorgt für Verwirrung – das Geschreie, die Geräusche von Schlägen und das Pfefferspray um uns herum.
Eine Person ist auf der Rückseite des Lautsprecherwagens, dort wo das Soundsystem ist. Ein Polizist sprüht im direkt eine volle Ladung Pfefferspray ins Gesicht, dann greift die Polizei nach ihm, zieht ihn raus aus dem Wagen und auf den Boden. Mehrere Polizisten versammeln sich um ihn herum und treten mit ihren schweren Stiefeln auf ihn ein. Sie treten ihn in die Rippen, gegen die Knie, ins Genick, auf den Kopf. Sie machen das ruhig, robotermässig und lassen ihn schlussendlich geblendet, keuchend und gekrümmt vor Schmerz dort liegen.
Sie haben nicht einen Versuch gemacht ihn festzunehmen. Wie der Rest der Campenden hat er keinerlei Verbrechen begangen.
Sanis eilen zu jenen, die es aus dem Polizeikessel geschafft haben. Krankenwagen tauchen auf, in der Vorhausahnung, das es schwere oder bleibende Verletzungen geben könnte. Die Polizei schwenkt ihr Stabkameras umher, die mit blendendem Licht ausgestattet sind. „Warum filmt ihr?“ ruft einer der Campenden.
„Wir filmen nicht“, antwortet der Kamera schwenkende Polizist.
Eine Ewigkeit und eine halbe Stunde später, marschiert die Polizei in Formation zurück – in ihrem Besitz befinden sich nun einige Zelte. All das um Demonstrant*innen zu terrorisieren, um zu zeigen das brutale Gewalt alles ist, was in Hamburg zählt.

Welcome to Hell, Indeed.

„Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, so stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein Gesicht tritt. Unaufhörlich.“ (George Orwell, 1984)

Die Polizei versucht eine Vision der Hölle auf Erden zu realisieren. In der Weltsicht, die sie repräsentieren, ist die gesamte Menschheit suspekt, schuldig potenziell ungehorsam zu sein und nur durch die permanente Drohung mit Gewalt auf Linie zu halten. Freier Wille ist eine Belastung in einer Welt in der der einzig vorstellbare Sinn in der Erfüllung von Befehlen im Austausch gegen ein Gehalt steckt. Die Polizei ist der Mörder der Freiheit.
Das schlimmste an der Polizei ist, das sie versuchen uns die Vorstellung von irgendetwas anderem als von dem was sie repräsentieren und durchsetzen zu entziehen. Darum ist es ihnen zig Euro wert so eine Operation durchzuführen, nur um einige Zelte zu beschlagnahmen. Wenn sie uns angreifen – wenn sie uns mit Fäusten und Knüppeln schlagen, wenn sie uns ein-pfeffern oder mit Tränengas eindecken, wenn sie uns tasern, wenn sie Blendgranaten, Gummigeschosse oder scharf beschießen – ist das wirkliche Ziel nicht unser Körper, sondern unser Glauben an die Menschheit. Sie versuchen jede Hoffnung darauf, dass sich Menschen unter gleichen Bedingungen zu einander beziehen könnten aus uns heraus zu knüppeln und hinterlassen lediglich die hässliche Gleichung von Autorität, Gehorsam und Gewalt. Sie repräsentieren das allerschlimmste zu dem unsere Spezies in der Lage ist – käufliche Gleichgültigkeit – und hoffen darauf diese Ausnahme zur Norm zu erheben.
Das ist nicht überraschend. Ihre Lügen über die „menschliche Natur“ bieten das einzige Narrativ, dass vielleicht ihr Verhalten entschuldigen würde. Wir für unseren Teil wissen, dass die menschliche Natur, sollte es so etwas geben, vielfältig genug ist, um viele Möglichkeiten, viele verschiedene Wege zu sein und sich in Beziehung zu setzen, zu beinhalten.
Die Herren dieser Polizei – die Herrschenden des G20, die sich diese Woche in Hamburg treffen – repräsentieren eine politische Klasse, die keine Ahnung mehr hat wie sie auf die momentanen Probleme reagieren soll, außer mit immer mehr Zwangsmaßnahmen. Die Heuchelei, dass wir uns in Richtung einer freieren und schöneren Zukunft bewegen ist vorbei, statt dessen bewegen wir uns in eine Klimakatastrophe, zerrissen durch Bürger*innenkriege, aufgeteilt zwischen Diktaturen und immer schwächeren Vortäuschungen von Demokratie. Daher müssen die G20 sich auch immer mehr auf die Polizei verlassen, in dem Ausmaß, dass sie sie Staatspolitik in Missachtung der Gerichte machen lassen. Ohne die Vertreter der rohen Gewalt auf ihrer Seite wäre die herrschende Klasse verloren und das ist ihnen bewusst.
In diesem Sinne ist der Polizeistaat bereits etabliert.
Wenn Donald Trump explizit Gewalt gegen Journalist*innen befürwortet und diese von anderen Republikanischen Politikern ausgeführt wird, dann ist die Maske sehr deutlich gefallen. In Nationen, die sich noch immer stolz demokratisch nennen, werden solche Politiker (und ihre Apologet*innen, von denen sich manche als ihre Gegner*innen darstellen) die Protestierenden versuchen zu überzeugen, dass die einzige Art für sie „demokratisch“ legitimiert zu sein bedeutet, den Gesetzen zu gehorchen und passiv jede Zumutung der Polizei zu akzeptieren. Zur selben Zeit bauen die Autoritäten selber eilig die Herrschaft ihrer brachialen Gewalt aus. Wenn sie Erfolg dabei haben uns zu überzeugen passiv zu bleiben, wird die Zukunft sicher unverhohlene Tyrannei sein.
Täuscht euch nicht: wenn es Zusammenstöße in Hamburg in dieser Woche gibt, wenn irgendwer es nach eigenem ermessen für sich selber als richtig erachtet sich gegen die Polizei zu verteidigen, die sich hier zu zehntausenden versammelt hat um alle zu unterdrücken, die sich nicht ordnungshörig ihren Anweisungen untergeben, dann liegt die Verantwortung bei den sogenannten Ordnungshütern. Sie haben angefangen, durch den unbegründeten Angriff auf das Camp in Entenwerder, dadurch, dass sie Hamburg in ein Trainingsgelände für massenhafte Polizeigewalt verwandeln und dadurch, dass sie solche Schlägertypen wie die Berliner Polizei überhaupt erst zusammengesammelt haben. Die Demonstrierenden gegen den G20 kämpfen für ihre Leben. Sie kämpfen für unser aller Leben, für den Planeten, den wir gemeinsam teilen – und sie kämpfen aus der Güte ihrer Herzen. Auf der anderen Seite sehen wir die Polizei, die ihre Verantwortung im Austausch gegen dreißig Silberlinge ablegt. Alles, was jede*r tun kam um sich ihnen und den Strategien zur Weltherrschaft zu widersetzen, alles was Räume der Freiheit erschafft bedeutet Loyalität zu allem, was gut an der Menschheit ist.
Dennoch werden die Veränderungen nach denen wir streben nicht einfach durch symmetrische Konflikte mit der Polizei oder mit FaschistInnen gewonnen. Vor allem müssen wir es möglich machen an das freiste und schönste unserer Spezies zu glauben, selbst wenn die Autoritäten danach streben dies zu verbergen. Wir müssen unsere Träume ansteckend machen, so dass eines Tages die Polizei sich umzingelt und isoliert wiederfindet; als letzte, die ihrem grauenhaftem Programm anhängen. Wir müssen Räume der Freude und Heilung schaffen, in denen auch sie eines Tages ihre schandhafte Oberfläche ablegen und zu etwas schönem und freien werden können.

Postskript: Eine Notiz zu Strategie

Der Park war eine Falle. Die Polizei hat uns nicht reingelassen, weil das Gericht unser Recht dazu durchgesetzt hat, sondern weil sie uns so umzingeln, kontrollieren und brutal behandeln konnten. Vielleicht hätten wir außerhalb der Polizeiketten bleiben sollen. Wenn der Staat über eine so hohe Anzahl an Polizist*innen, wie bei diesem Gipfel, verfügen kann, dann zahlt es sich nicht aus und umzingeln zu lassen. Es ist besser an den Rändern ihrer Kontrolle zu bleiben, sie die ganze Zeit dazu zu zwingen sich weiter zu verbreiten, ihre Ressourcen dadurch dünner werden zu lassen und Situationen zu schaffen, in denen sie sich nicht weiter helfen können ohne die gesamte Bevölkerung gegen sich aufzubringen. An den Rändern ihrer Kontrollzonen sind unsere kleineren Gruppen kein Problem – im Gegenteil, sie können dazu führen, dass es ihnen schwerer fällt uns zu folgen, es ihnen schwerer fällt vorauszusagen was wir tun werden. Wenn die Autoritäten immer größere Gebiete kontrollieren müssen wird ihre Anzahl und Stärke zum Hinderniss. Dies provoziert die Öffentlichkeit, was weitere Demographien und Variablen in den Konflikt einbringt.
Die Strategie der Verteilung hat während des G20 Gipfels 2009 in Pittsburgh gut funktioniert, als die Demonstrierenden durch die Stadt los zogen, weg von den Mauern der Riot-Polizei, die den Gipfel umringten. Als die Polizei realisierte was vor sich ging und sich sammelte um in großen Teilen der Stadt die Kontrolle wieder zu erlangen, brachten sie viele Pittsburgher*innen gegen sich auf. Dies führte zu einer Serie von neuen Zusammenstößen in welchen Einkaufsstraßen demoliert wurden, die Polizei an Legitimität in der Öffentlichkeit verlor und durch die viele Leute, die zuvor nicht an so etwas beteiligt waren, politisiert wurden. Wenn wir statt ins Camp zu gehen am Rand geblieben wären, hätten wir vielleicht etwas ähnliches erreicht. Zumindest hätten wir die Aufmerksamkeit der Polizei von den unglückseligen Campenden abgezogen. Es gab lediglich einen einzigen Zugangspunkt für all die Polizeifahrzeuge zu dem Park – hätten wir diesen blockiert, hätten wir sie sicher dazu gezwungen ihre Aufmerksamkeit vom Camp auf die Stadt um sie herum zu lenken. In einer feindlichen Umgebung, die ihren Gipfel auf keinen Fall haben will und die sie als Besatzer*innen sieht. Vielleicht können diese Reflektionen in den nächsten Tagen nützlich sein.

[Anmerkung des Übersetzers: es handelt sich hierbei um eine sehr freie und leicht gekürzte Übersetzung. Auf Hyperlinks und weitere Bilder des Originaltextes wurde aus Zeitgründen verzichtet. Sie können im Original eingesehen werden. Aktuelle Infos zum G20 werdet ihr auch auf crimethinc.com lesen können, Übersetzungen und eigene Tweets schickt die BM Crew auf Twitter.]

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Vorträge: Widerstand in der Trump-Ära http://crimethinc.blogsport.de/2017/06/15/vortraege-widerstand-in-der-trump-aera/ http://crimethinc.blogsport.de/2017/06/15/vortraege-widerstand-in-der-trump-aera/#comments Thu, 15 Jun 2017 14:22:18 +0000 Administrator Allgemein http://crimethinc.blogsport.de/2017/06/15/vortraege-widerstand-in-der-trump-aera/

Kleine Vortragstour mit CrimethInc. – kurz bevor in Hamburg der G20 (mit Trump als Gast) statt findet.

Wie konnte Donald Trump an die Macht kommen und was sagt uns das über die Zeit in der wir leben? Und welche Strategien bieten sich an, um zunehmend repressiven Regierungen und einem stärker werdenden Graswurzelnationalismus die Stirn zu bieten?

Ordnet man Trumps Präsidentschaft in einen globalen Kontext ein, stößt man in unterschiedlichen Teilen der USA auf Annäherung an Selbstorganisation und -Verteidigung durch Anarchisten und Andere. Unmittelbar nach Trumps Wahlsieg machten sich Anarchisten daran das politische Tagesgeschäft zu stören, in der Hoffnung, die herrschende Klasse zu schwächen bevor diese weitere repressive Maßnahmen ergreifen konnte. In dem ersten Wochen von Trumps Präsidentschaft ging eine große Protestwelle durch das Land und erreichte dieses Ziel vorübergehend. Nun, da Trumps Verwaltung sich um eine Neuausrichtung des Staatswesens bemüht und faschistische Bewegungen Morgenluft schnuppern, sehen sich die Widerstandsbewegungen neuen Gefahren ausgesetzt, stehen aber auch vor neuen Möglichkeiten.

28.06. – Duisburg / Syntopia / Fb-Event
29.06. – Düsseldorf / Linkes Zentrum / Homepage
30.06. – Wuppertal / AZ Wuppertal / Homepage Veranstaltungsort
01.07. – Flensburg / Infoladen Subtilus / Homepage Veranstalter
02.07. – Hamburg / Centro Sociale / Veranstaltungsreihe Bücher Bildung Barrikaden
10.07. – Münster / SpecOps / Homepage Veranstalter

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