crimethInc. http://crimethinc.blogsport.de Texte des crimethInc. Collectives Thu, 08 Nov 2018 10:42:18 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Brasilien: Die Alternative zum Faschismus ist nicht Demokratie http://crimethinc.blogsport.de/2018/11/08/brasilien-die-alternative-zum-faschismus-ist-nicht-demokratie/ http://crimethinc.blogsport.de/2018/11/08/brasilien-die-alternative-zum-faschismus-ist-nicht-demokratie/#comments Thu, 08 Nov 2018 10:41:40 +0000 Administrator Allgemein http://crimethinc.blogsport.de/2018/11/08/brasilien-die-alternative-zum-faschismus-ist-nicht-demokratie/
„From democracy to freedom“ – Von der Demokratie zur Freiheit auf Portugiesisch, Griechisch und Deutsch

In Brasilien hat Jair Bolsonaro, ein faschistischer Befürworter von Diktatur und Massenmorden, die Wahl gewonnen. Wer braucht einen Militärputsch, wenn du mit Wahlen exakt das Gleiche erreichen kannst?
Wir haben bereits detailliert untersucht, wie die linken und gemäßigten Parteien den Weg dafür ebneten. Von Brasilien bis Frankreich haben Parteien quer durch das politische Spektrum den Anspruch verloren, irgendeine andere Lösung für soziale Probleme anzubieten, als die Ausweitung staatlicher Gewalt. In einem solchen Kontext ist es nicht überraschend, dass Politiker_innen, die explizit die Polizei und das Militär repräsentieren, an die Macht kommen, da diese Institutionen zum Dreh- und Angelpunkt des Staates selbst geworden sind.
In Gedanken und Herzen sind wir bei unseren Gefährt_innen in Brasilien, die bereits eine unglaubliche Welle staatlicher Repression und kapitalistischer Gewalt erfahren haben und denen nun noch weit Schlimmeres bevorsteht.
Vielleicht kann der sofortige Widerstand, den die Wahl Donald Trumps hervorrief, als ein hilfreicher Referenzpunkt dienen.
Aber wegen der spezifischen Art auf die Brasilien kolonialistische Gewalt erfährt wird die Welle von Nationalismus, die in den USA und Europa bereits auf dem Weg zu ihrem Höhepunkt ist, dort möglicherweise noch brutaler ausfallen.
Wir rufen alle weltweit dazu auf, sich auf Solidaritätsaktionen vorzubereiten – mit jenen die im Fokus der von Bolsonaro angekündigten Angriffe stehen werden.
Als Anarchist_innen glauben wir nicht, dass Wahlen irgendeiner herrschenden Partei Legitimität verleihen. In unseren Augen könnte keine Wahl Polizeigewalt, Homophobie, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit legitimieren; genausowenig wie Gefängnisse, Grenzen oder die Zerstörung der Umwelt (von der das Überleben aller abhängt).
Keine Stimmabgabe könnte irgendwen das Mandat dazu erteilen andere zu unterdrücken. Die Herrschaft der Mehrheit ist für uns so abscheulich wie die Diktatur: Beide machen Zwang zur fundamentalen Basis der Politik. Die wichtige Frage ist nicht, wie sich Demokratie verbessern lässt. Demokratie ist im Grunde ein Mittel Regierungen zu legitimieren, so dass Menschen akzeptieren, was ihnen aufgezwungen wird, ganz egal wie tyrannisch und unterdrückend das auch sein mag.
Die wichtige Frage ist wie wir uns gegen staatliche Gewalt verteidigen können; wie wir Wege finden können, unsere Bedürfnisse zu befriedigen ohne von Zwang oder Vereinnahmung abhängig zu sein; wie wir zusammenarbeiten und koexistieren können statt um Macht zu konkurrieren.
Angesichts von mehr und mehr Machtübernahmen durch unterdrückende Regime weltweit, müssen wir aufräumen mit unseren Illusionen „guter“ demokratischer Regierungen und uns organisieren, um uns gemeinsam mit allen nötigen Mitteln zu verteidigen.
Das Gegenteil von Faschismus ist nicht Demokratie. Das Gegenteil von Faschismus ist Freiheit. Es ist Solidarität. Es ist direkte Aktion. Es ist Widerstand. Aber es ist nicht Demokratie. Demokratie war, wieder einmal, der Mechanismus, der Faschisten an die Macht brachte.


Student_innen der Federal University von Rio de Janeiro demonstrieren gegen polizeiliche Übergriffe im Vorfeld der Wahl. Die Polizei beschlagnahmte Poster mit der Aufschrift „Jüdische Studierende gegen Faschismus“ und einem Bild der ermordeten Aktivistin Marielle Franco.

In den letzten Monaten haben neben der deutschen Übersetzung („from democracy to freedom – Der Unterschied zwischen Regierung und Selbstbestimmung“) auch unsere Gefährt_innen aus Brasilien und Griechenland jeweils Übersetzungen von „From Democracy to Freedom“ veröffentlicht. Dieses Buch enthält unsere Analyse der Gemeinsamkeiten von Demokratie und Diktatur.
Diese Übersetzungen findet ihr zur Sicherheit auch auf crimethinc.com, falls die Homepage der brasilianischen Gruppe unerwartet offline geht.

Außerdem hängen wir diesem Text das Nachwort der deutschen Ausgabe an. Wenn Ihr Lust habt, bei euch Veranstaltungen zu diesem Buch zu organisieren, meldet euch, wir kommen gerne zu euch. Hier unsere bisher feststehenden Veranstaltungen sowie eine Liste der vergangenen.
Um mehr darüber zu erfahren, warum die demokratischen Bewegungen 2010-2014 in eine Sackgasse geraten sind und so die Rechte in die Lage versetzten, ihre Rhetorik anzupassen und die Initiative zu ergreifen, empfehlen wir diese Analyse, die wir im Vorfeld der schwedischen Wahlen im letzten Monat veröffentlicht haben.


Das Buch auf portugisiesch runterladen.


Das erste Kapitel auf griechisch runterladen.


Das Buch auf deutsch kann hier bestellt werden.

Nachwort der deutschen Ausgabe.

Wir haben vor Erscheinen dieses Buches gemeinsame Veranstaltungen mit Menschen aus den USA und Slowenien in Deutschland gemacht und in linken Zentren über Demokratie diskutiert. Dass sich keiner der vorliegenden Texte explizit mit der Situation und den Debatten in der BRD beschäftigt, bedeutet nicht, dass wir im hiesigen Kontext nicht ganz ähnliche Erfahrungen gesammelt hätten – im Gegenteil.

Der Staat:
Wenige Wochen vor der Bundestagswahl 2017 fuhr ein Propagandamobil des Bundestages durch die Städte. Basecaps und Bonbons mit Bundesadler sowie Propagandafilme für Schüler_innen über Parlamentarismus wurden dort verteilt, die Veranstaltenden betonten, wie demokratisch dieses Land sei. Eine offensichtlich notwendige Werbeoffensive für ein System, das aus gutem Grund um die eigene Legitimation fürchtet.

Die Parteien:
Alle im Bundestag vertretenen Parteien schreiben sich an prominenter Stelle Forderungen zu Demokratie auf die Fahnen. Die SPD will mehr davon wagen und leben, die Grünen wollen sie ausbauen und stärken, die Linke will mehr davon, CDU und FDP wollen sie stärken und beleben und die AfD inszeniert sich als Partei für Direktdemokratie. Ihr Einzug ins Parlament bestätigt einmal mehr die These, dass die Idee direkterer Demokratie eben alles andere als ein Garant emanzipatorischer Politik ist. Wir sollten bei allem was wir tun und fordern also stets darauf achten, dass wir betonen, warum wir wofür kämpfen, um zu verhindern, dass unsere Ideen von konservativen oder faschistischen Gruppen übernommen werden können, die ziemlich exakt das Gegenteil dessen anstreben, wofür wir kämpfen.

Die „Zivilgesellschaft“:
Initiativen für „mehr“ oder „echtere“ Demokratie präsentieren und inszenieren sich als mutige, fast schon revolutionäre Kämpfende gegen die eingefahrene Politik – wollen im Grunde aber nur andere Repräsentation. Kongresse mit Titeln wie „Demokratie braucht Bewegung“ sind Ausdruck dieser Entwicklung. Wir, als Personen, die sich kompromisslos gegen jede Form der Demokratie aussprechen, haben dennoch dort geredet und wurden belächelt, weil unsere Positionen und Ziele eben nicht im Rahmen einer „besseren Demokratie“ umsetzbar sind – für viele unvorstellbar, dass es etwas anderes geben könnte.

Die Bewegung:
Wir haben bei antikapitalistischen Kämpfen in Berlin Menschen erlebt, für die Handzeichen scheinbar der Inbegriff revolutionären Verhaltens darstellten. Für die die Methode der Kommunikation und Entscheidungsfindung absoluten Vorrang vor dem Ergebnis hatte. Für die es auch auf explizite Nachfrage gar kein Problem darstellte, dass die gewählte Form der Entscheidungsfindung faktisch eine permanente Blockade jeder Aktivität zur Folge hatte. Weil sie sich das erste Mal in ihrem Leben als einen wichtigen Teil eines Apparates begriffen und wir ihnen dieses Gefühl, endlich alles richtig zu machen, auf keinen Fall nehmen dürften. Wir taten es dennoch.

Wir haben versucht, uns mit den uns von den Gewaltfreien zugestandenen Methoden mit ihnen inhaltlich auseinanderzusetzen. Wir legten also bei einer Blockadeaktion wie formal vorgesehen gegen einen uns untragbar erscheinenden Vorschlag ein Veto ein. Wir mussten dann darüber diskutieren, ob es ein Veto gegen ein Veto geben kann und sollte.
Und wir haben erfahren, dass die Methoden immer nur so lange gelten, wie sie den Interessen der sie Bestimmenden nützen.

Wir haben uns bei Aktionsvorbereitungen gezielt an unterschiedlichen Positionen im Raum verteilt, sind im Vorfeld der G20-Gipfelproteste gezielt in bestimmte Arbeitsgruppen gegangen. Um Schlimmeres zu verhindern, Vielfalt zu ermöglichen, Kontrollbestrebungen möglichst von Anfang an zu verhindern, den Diskurs zu prägen. Aber wir haben dabei immer auch etwas über unser eigenes Machtpotential gelernt. Und es hat uns Angst gemacht. Weil wir begriffen haben, dass wir dieses Spiel auch spielen könnten, die Mechanismen begriffen haben, die Klaviatur bedienen könnten. Dass wir wissen, in welchen Momenten es auf die Formulierung der Fragestellung ankommt. Auf die Festlegung der Reihenfolge der Punkte einer Tagesordnung. Die Anfangszeiten eines Treffens. Und manchmal haben wir dann nicht nur Angst vor uns selber, sondern auch Ekel. Weil wir auf dem Weg zur Überwindung aller Herrschaft immer in Versuchung sind, das Stück vom Kuchen zu bevorzugen.

Die Debatte um Demokratiekritik begegnet uns jedoch nicht ausschließlich in den praktischen Kämpfen auf der Straße, sondern findet sich auch an der ein oder anderen Stelle in Theorietexten aus dem deutschsprachigen Raum. Zwei solche Veröffentlichungen wollen wir euch an dieser Stelle explizit ans Herz legen.

Das ist zum einen Christoph Spehr, der uns eindringlich davor warnt, zu Aliens zu werden mit seinem Buch „Die Aliens sind unter uns. Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter“. Was er mit dem Begriff des Alienismus dabei meint, ist das, was in „Die Kunst der Politik“ als Kooptation beschrieben wurde: Die Gefahr, dass gerade die subversivsten Menschen, das System erneuern, stabilisieren, Herrschaft modernisieren statt sie abzuschaffen.

Als zweites empfehlen wollen wir das Buch „Demokratie. Die Herrschaft des Volkes. Eine Abrechnung“ von Jörg Bergstedt. Es beschäftigt sich mit den Mythen der Demokratie, mit Wahlen, der Konstruktion eines Innen und Außen sowie Kollektiven, mit Ausschluss, Strafe und Kontrolle, wirft aber auch einen Blick auf Möglichkeiten der Befreiung.

[H für die bm-Crew]

]]>
http://crimethinc.blogsport.de/2018/11/08/brasilien-die-alternative-zum-faschismus-ist-nicht-demokratie/feed/
From Democracy to Freedom erschienen! http://crimethinc.blogsport.de/2018/08/17/from-democracy-to-freedom-erschienen/ http://crimethinc.blogsport.de/2018/08/17/from-democracy-to-freedom-erschienen/#comments Fri, 17 Aug 2018 13:29:38 +0000 Administrator Allgemein http://crimethinc.blogsport.de/2018/08/17/from-democracy-to-freedom-erschienen/


RELEASEDAY!

Heute frisch aus dem Druck gekommen: ‚From Democracy to Freedom‘ von CrimethInc. – übersetzt von der bm Crew und erschienen im Unrast Verlag.

Eine anarchistische Analyse und Kritik der Demokratie.
Abgerundet durch eine Analyse der sozialen Bewegungen der letzten Jahre – insbesondere in Hinblick auf ihren Bezug auf ‚demokratische‘ Grundwerte und ihr scheitern.
Im Feuer geboren, im Plenum gestorben“, so die Überschrift des Kapitels zu den Aufständen in Bosnien 2014.

Hier bestellen

Wir kommen für Lesungen auch in deine Stadt! Schreibt uns an, wenn ihr Bock habt was zu organisieren :)

]]>
http://crimethinc.blogsport.de/2018/08/17/from-democracy-to-freedom-erschienen/feed/
Der Aufstand ist kein Spiel http://crimethinc.blogsport.de/2018/08/13/der-aufstand-ist-kein-spiel/ http://crimethinc.blogsport.de/2018/08/13/der-aufstand-ist-kein-spiel/#comments Mon, 13 Aug 2018 11:51:23 +0000 Administrator Allgemein http://crimethinc.blogsport.de/2018/08/13/der-aufstand-ist-kein-spiel/

Was ist ein anarchistisches Spiel? Ist es ein Spiel, das anarchistische Werte fördert? Ein Spiel, das anarchistische Aktivitäten darstellt? Ein Spiel, das Machtstrukturen untergräbt und destabilisiert? Was kann die Spieltheorie Anarchist*innen lehren – und was können Anarchist*innen durch Spiele lernen? Um diese und andere Fragen zu beantworten, führten wir das folgende Interview mit TL, Spieldesigner*in und Künstler*in von Bloc by Bloc: The Insurrection Game.

(Das Interview wurde von der Gruppe Crimethinc gemacht und auf Deutsch und Französisch von dem Evasions Projekt übersetzt. Das Spiel gibt es bis jetzt nur auf English. Mehr Infos darüber auf Kickstarter, bestellbar in Deutschland bei black-mosquito.org.)

Warum denkst du, dass kreative Tätigkeit für Anarchist*innen wichtig ist?

Kreativer Widerstand ist eines der wesentlichen Elemente einer florierenden anarchistischen Bewegung. Spiel und Phantasie erlauben die Art von Experimente, die Risse in den Kontrollsystemen aufdecken können. Anarchist*innen müssen in der Lage sein, sich andere Welten und andere Lebensformen vorzustellen, um ihre Aktivitäten gegen die aktuelle Welt zu positionieren. Wenn Kreativität in anarchistischen Räumen blühen darf, ist es einfacher, erstickende und giftige Formen sozialer Organisation zu neutralisieren.

Ist Bloc by Bloc nur eine Form der Unterhaltung? Oder gibt es andere Dimensionen des Projekts und was erhoffst du, damit in der Welt zu erreichen?

Bloc by Bloc ist ein Brettspiel, das die urbanen Rebellionen simuliert, die wir in den letzten 10 oder 15 Jahren in Städten auf der ganzen Welt erlebt haben. Das Ziel dieses Projektes ist es, ein unterhaltsames und lehrreiches Spielerlebnis zu schaffen. Ich will nicht so tun, als wäre das mehr als das. Das ist einer der Gründe, warum das Layout in Bloc by Bloc verspielt ist und an bunte Cartoons erinnert. Es ist wichtig, dass wir das Projekt nicht zu ernst nehmen oder seine politische Wirkung überbewerten. Das wäre irreführend und respektlos gegenüber allen, die in echten Kämpfen auf der Straße waren und die sich echte Konsequenzen ausgesetzt haben.

Aber Spiele können mächtige Werkzeuge sein, um komplexe Ideen zu erforschen. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich weiterhin mit diesem Medium arbeite.

Wenn wir Spiele spielen, erschaffen wir Geschichten aus der Interaktion zwischen Spieler*innen, Spielmechanik und den Komponenten vom Spiel. Die besten Spiele schaffen reiche und aufstrebende Geschichten, die sich jedes Mal ändern, wenn wir sie spielen. Diese Geschichten spiegeln archetypische Erzählungen wider, die wir in der gesamten Gesellschaft finden. Deshalb können sich Spiele so sinnvoll anfühlen: Sie schaffen einen temporären Raum, in dem wir die Geschichten, die unser Leben bestimmen, sicher erforschen können. Dieser Raum wird als „der magische Kreis“ bezeichnet.

Bloc by Bloc schafft einen magischen Kreis, in dem die Spieler*innen Geschichten von zeitgenössischer Revolte und Widerstand erforschen können. Es ist eine Antwort und eine Herausforderung auf die allgegenwärtigen Erzählungen von Kolonialisierung, Industrialisierung, staatliche Verwaltung, autoritärer Heldenverehrung und chauvinistischer Gewalt, die einen Großteil des Brettpiels – und noch mehr des digitalen Spiels- dominieren. Auf diese Weise kann es als anarchistischer Eingriff in die Spielwelt verstanden werden.

Hat Bloc by Bloc Vorläufer? Was waren die Bezugspunkte, als es entworfen wurde?

Eine Gruppe von uns hat im Sommer 2010 mit dem Brainstorming für ein Aufstands-Brettspiel begonnen. Keine*r von uns war ein*e erfahrene*r Spieler*in; wir hatten nur sehr wenig Erfahrung in diesem Thema. Unsere Bezugspunkte waren die Kämpfe und Aufstände, die wir sehr genau verfolgt hatten. Der von einem Lehrer*innenstreik in Oaxaca, Mexiko, in der zweiten Jahreshälfte 2006 ausgelöste Aufstand hatte einen großen Einfluss auf diese frühen Gespräche, die schließlich die Konturen dessen prägten, was wir heute Bloc by Bloc nennen. Die Jugendrevolte, die sich nach der Ermordung des jungen Anarchisten Alexis Grigoropolous im Dezember 2008 im Exarcheia-Viertel von Athen über ganz Griechenland ausbreitete, war eine weitere Inspiration. Hier in Oakland haben uns die Proteste und Unruhen als Reaktion auf einen weißen Polizisten, der im Januar 2009 einen jungen schwarzen Mann namens Oscar Grant getötet hat, einige der Möglichkeiten, wie sich diese Momente entfalten können, aus erster Hand gezeigt.


Frühe Skizzen während der Entwicklung von Bloc by Bloc.

Basierend auf diesen jüngsten historischen Ereignissen haben wir den allgemeinen Rahmen für das Spiel zusammengefügt. Wir wussten, dass alle Spielenden Teil des Aufstands sein mussten und dass das Spiel irgendwie die Rolle des Staates spielen würde. Wir entschieden auch, dass das Spiel ein Wettlauf gegen die Zeit sein würde, bis das Militär oder eine Art Bundesmacht eingriff, um die Ordnung wiederherzustellen. Und schließlich haben wir uns eine Liste von Aktionen ausgedacht, die die Spielenden ergreifen sollten: Barrikadieren, Plündern, Besetzen und Zusammenstoßen mit der Polizei. Damit wurde der Grundstein für das Spiel gelegt; all diese Ideen stehen 8 Jahre später im Mittelpunkt von Bloc by Bloc. Wahrscheinlich aufgrund unserer begrenzten Kenntnisse der Spielmechanik und der Spielstheorien, sind wir im Jahr 2010 nicht sehr weit gekommen. „The Insurrection Game“, wie wir es damals nannten, saß jahrelang im Regal. Erst nach einer weiteren Runde noch größerer Aufstände auf der ganzen Welt zwischen 2011 und 2014 in Kairo, Istanbul und Ferguson fühlte ich mich motiviert, zum Projekt zurückzukehren. Ich studierte einige zeitgenössische Brettspiele wie die Siedler von Catan, Pandemie, Verbotene Wüste und Tod des Winters, und ich las über Theorien und Ansätze zum Spieldesign.

Anfang 2015 haben wir begonnen, die ersten funktionierenden Prototypen von Bloc by Bloc zu testen. Zuerst war das Spiel unspielbar. Aber der Prozess war in Bewegung gekommen.


Barrikade in Istanbul während der Taksim-Gemeinde und dem Kampf um den Gezi-Park, 2013.

Seitdem habe ich mehr über die Geschichte der subversiven und antiautoritären Brettspiele in der Welt gelernt. Suffragetto ist ein Spiel aus dem Jahr 1909, das Demonstrantinnen für das Frauenwahlrecht im Kampf mit der Polizei simuliert. Was wir jetzt als das Spiel Monopoly kennen, war ursprünglich ein Spiel namens The Landlord’s Game, es kritisierte Immobilienspekulation und Finanzkapitalismus. Class Struggle, Chicago Chicago und Mai 68 Le jeu sind einige weitere Titel aus den 70er und 80er Jahren, die versuchten, Volksaufstände zu simulieren. Vor einigen Jahren schufen einige italienische Genoss*innen ein Spiel namens Riot, in dem Anarchist*innen, Autonome, Polizist*innen und Nationalist*innen auf der Straße gegeneinander kämpfen. Interessant ist, dass die meisten dieser Spiele davon ausgehen, dass ein*e Spieler*in die Rolle der Polizei übernehmen muss. Wir wussten von Anfang an, dass wir dies nicht in den Rahmen von Bloc by Bloc aufnehmen würden.

Was sind die Vorteile des Brettspielformats, um diese Geschichten zu erzählen, im Gegensatz zu, sagen wir, einem Roman, einem Film, einem Videospiel, einer mündlichen Geschichte?

Bloc by Bloc ermöglichte es uns, den gesellschaftlichen Umbruch durch die Linse des Systemdenkens zu erforschen. Ein Spiel ist eine großartige Möglichkeit, die kybernetischen Formen der Kontrolle durch institutionalisierte Macht zu simulieren. Und es erlaubt den Spielenden mit neuen Formen kooperativer Strategie zu experimentieren, um sich von diesen repressiven Systemen zu befreien. Es gibt wirklich kein anderes Medium, welches eine solche Art von Systemen herausheben würde und so ermöglicht Geschichten zu erzählen.

Ein weiterer Punkt, wieso Brettspiele großartig sind für das Erzählen von Geschichten ist, dass sie von Natur aus sozial sind. Es hat etwas Mächtiges, die Dynamik von sozialen Aufstände durch Diskussionen, Spielkoordination und Konflikte mit anderen zu erforschen, alle rund um einen Tisch.

Dieses Format hat aber auch Nachteile. Ein Spiel ist selbst eine Art kybernetisches System, das aus verschiedenen positiven und negativen Rückkopplungsschleifen besteht. Die Notwendigkeit, ein stabiles Spielsystem zu schaffen, welches als lustiges Spiel funktioniert, macht es unmöglich, reale Ereignisse, die durch ihre chaotische und sich ständig verändernde Natur definiert sind, vollständig zu simulieren.


Das Block by Block Spielbuch

Erzähl uns über einige der spezifischen Komponenten und Dynamiken des Spiels und wie ihr diese entwickelt habt, um strategische Lektionen über das wirkliche Leben zu vermitteln.

Eine der wichtigsten Änderungen in der zweiten Ausgabe des Spiels ist ein verbesserter semi-kooperativer Modus. Bei Bloc by Bloc hat jede*r Spieler*in eine geheime Ziel-Karte. Die meisten dieser Karten sind soziale Ziele. Spieler*innnen mit sozialen Zielen sind solidarisch und müssen zusammenarbeiten, um den Staat zu besiegen und das Spiel gemeinsam zu gewinnen. Es gibt aber auch avantgardistische und nihilistische Ziel-Karten. Spielende mit diesen Karten müssen heimlich den sozialen Aufstand untergraben; sie spielen, um das Spiel allein zu gewinnen.

Es ist möglich, die Avantgarde- und Nihilismuskarten zu entfernen und das Spiel im kooperativen Modus zu spielen. Dies ist wahrscheinlich der beste Weg, um das erste Spiel zu spielen; die meisten spielen ihr erstes Spiel so. Aber das ist nicht die Erfahrung, die wir ursprünglich mit Bloc by Bloc machen wollten. Eine Simulation des urbanen Aufstands sollte die inneren Spannungen beinhalten, die man immer wieder in sozialen Bewegungen und Aufständen erlebt. Diese semi-kooperative Erfahrung schafft auch einen dynamischeren Spielraum, der eine tiefere Strategie ermöglicht. Und es verhindert das problematische Verhalten von Alpha-Spieler*innen, die bestimmen wollen, was andere Spielende in ihrem Zug tun sollen. Dies geschieht in der Regel in fast allen kooperativen Spielen. Ironischerweise werden durch die Einführung eines Elements der Unsicherheit und des Misstrauens, die individuellen Ziele der Spieler*innen geschützt.


Ein laufendes Spiel von Bloc by Bloc

Eine andere Spielmechanik, von dem die Leute oft überrascht sind, ist das Funktionieren der Bewegungen. Die meisten Spiele zwingen dich dazu, deine Figuren einzeln zu bewegen oder die Anzahl der Felder zu zählen, wo du dich bewegen kannst. In Bloc by Bloc wird die Bewegung nicht durch die Entfernung, sondern durch den Zugang eingeschränkt. Wenn es einen offenen Weg mit Straßen, Autobahnen und U-Bahn-Stationen gibt, kannst du deine Figuren mit einer Aktion so weit verschieben, wie du willst. Selbst die größten Städte der Welt können noch in wenigen Stunden durchquert werden, solange die Wege frei stehen. Da das Spiel die Polizei einsetzt und sie sich in der ganzen Stadt bewegen, wird dieser Zugang zunehmend eingeschränkt. Dies ist ein Spiegelbild davon, wie wir uns in modernen Städten bewegen können. Zonen der Exklusivität und der institutionellen Macht sind nicht durch ihre Distanz zu den potentiellen Aufständischen vor Aufständen geschützt. Sie werden durch Sicherheitskräfte und Kontrollsysteme geschützt, die den Zugang einschränken und den Raum kontrollieren.


Im Spielbuch von Bloc by Bloc

Fast jede Spielmechanik in Bloc by Bloc kann als Schnittpunkt verstanden werden zwischen einer Art strategischer Lektion und der Notwendigkeit, das Spiel auszubalancieren, um ein stabiles System voller Potential zu schaffen. Es ist möglich, in jede dieser Mechaniken Rückschlüsse auf reale Aufstände zu ziehen. Aber man sollte irgendwann auch wieder daran denken, dass es nur ein Spiel ist! Ein PDF des Regelwerks von Bloc by Bloc 2 ist online verfügbar für alle, die sich die Spielmechanik genauer ansehen möchten.

Wie prägen deine Werte die Art und Weise, wie du an das Spieldesign herangehst? Gibt es eine ideologische Dimension in diesem Projekt?

Ich bemühe mich sehr, eine dogmatische Herangehensweise bei dieser Arbeit zu vermeiden. Spiele sind eine großartige Möglichkeit um Menschen miteinander Ideen und Systeme erforschen zu lassen, ohne übermäßig didaktisch zu sein. Aber ich bin sicher, es ist jedem*r klar, dass dieses Projekt auf politischen Ideen beruht.

Ich würde sagen, dass der Spiel-Entwicklungsprozess für Bloc by Bloc von einem spezifischen ethischen Rahmen geleitet wurde. Ein entscheidender Teil dieses Rahmens ist, dass er diejenigen in den Mittelpunkt stellt, die den Kapitalismus, die „White Supremacy“, das Patriarchat und den Staat bekämpfen. Ich bezeichne diese Protagonist*innen des Widerstands als „soziale Antagonist*innen“. Sie sind diejenigen, die sich organisieren, um von unten aufzustehen. Dies ist kein Spiel, das die Eroberer*innen oder die Mächtigen in den Mittelpunkt der Geschichte stellt.

Ein weiteres wichtiges Element dieses Rahmens ist das Verständnis für die Bedeutung des sozialen Aufstands. Wenn wir uns einen Moment Zeit nehmen, um über die vergangenen zwei Jahrzehnte nachzudenken, sehen wir eine beeindruckende Reihe von Aufständen und Rebellionen auf der ganzen Welt. Sozialer Aufstand ist ein prägendes Merkmal unserer Zeit. Er ist in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts eine entscheidende Form des Widerstands und der Freude in einer Vielzahl von Städten. Aufstände unterstützen soziale Bewegungen und haben die politische Landkarte neu gestaltet. Aber sie bringen auch das Potenzial für schwere Repressionen und reaktionäre Rückschläge mit sich. Deshalb ist es wichtig, diese Momente des Konflikts nicht zu romantisieren und ihre Folgen zu verstehen.

Es ist auch wichtig, die Gewalt, die mit diesen Aufständen verbunden ist, nicht zu fetischisieren. Zerstörung und kollektive Enteignungen sind notwendige Bestandteile eines nachhaltigen Aufstands. Aber der Erfolg dieser Aufstände wird nicht von ihrer Fähigkeit bestimmt, zu zerstören oder zu töten. Urbaner Aufstand ist am effektivsten, wenn er soziale Beziehungen über eine ganze Stadt hinweg transformiert und den urbanen Raum neu nutzt. Das sehen wir am deutlichsten, wenn ein Aufstand Ausdruck des alltäglichen Widerstandes und Organisierens ist. So entsteht das soziale Gefüge, aus dem ein Aufstand die Kraft schöpfen kann, ganze Städte und Gesellschaften umzugestalten.

Ist Bloc by Bloc ein anarchistisches Spiel ?

Ich denke, das ist fraglich. Bloc by Bloc ist ein Spiel für Spieler*innen mehr als ein Spiel für Anarchist*innen. Wir wollten schon immer, dass dieses Projekt für sich allein steht, als ein Spiel, das die Leute genießen können, auch wenn sie mit dem Thema nicht vertraut sind. Wie ich bereits sagte, ist es ein Eingriff in die Welt des Spiels, da es die dort üblichen Erzählungen von Unterdrückung und Ausbeutung in Frage stellt.

Es gibt ein paar andere Dinge, dass es von den meisten Spielen unterscheidet. Wir haben versucht, das Spiel hier in den USA auf relativ ethische Weise herzustellen. Die überwiegende Mehrheit der Spiele wird in China hergestellt, um die Vorteile billigerer Arbeit zu nutzen. Und alle Dateien, die man benötigt, um selbst gedruckte Exemplare von Bloc by Bloc 2nd Edition zu erstellen, werden wie bei der ersten Ausgabe kostenlos online veröffentlicht. Aber insgesamt versucht Bloc by Bloc nicht aus der spezifischen Form auszubrechen, die von den Standards des modernen Brettspiele vorgegeben wird.

Die Frage, wie ein anarchistisches Spiel aussehen könnte ist sehr interessant. Vielleicht ist Bloc by Bloc ein Schritt in diese Richtung. Aber ein wirklich anarchistisches Spiel würde wahrscheinlich im alltäglichen Gelände unseres Lebens stattfinden. Es würde einen magischen Kreis bilden, der die Teilnehmer*innen befähigt, reale Formen der Kontrolle und Herrschaft zu untergraben. Und es wäre leicht reproduzierbar, selbst für diejenigen mit begrenzten Ressourcen. Vielleicht spielten Anarchist*innen und andere soziale Antagonist*innen schon immer solche Spiele, ohne sie ausdrücklich als Spiele zu bezeichnen?

Ich hoffe, dass dieses Projekt Teil eines viel größeren kreativen Prozesses sein kann, der Spiel und Phantasie nutzt, um unser kollektives Potential zu entfesseln, um zurückzuschlagen und die Welt umzugestalten.


Alle Macht den Blöcken!

]]>
http://crimethinc.blogsport.de/2018/08/13/der-aufstand-ist-kein-spiel/feed/