crimethInc. http://crimethinc.blogsport.de Texte des crimethInc. Collectives Tue, 24 Oct 2017 15:54:44 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en DON’T TRY TO BREAK US – WE’LL EXPLODE http://crimethinc.blogsport.de/2017/10/24/dont-try-to-break-us-well-explode/ http://crimethinc.blogsport.de/2017/10/24/dont-try-to-break-us-well-explode/#comments Tue, 24 Oct 2017 15:54:44 +0000 Administrator Allgemein http://crimethinc.blogsport.de/2017/10/24/dont-try-to-break-us-well-explode/ Der G20 2017 in Hamburg – umfassender Bericht und Analyse.

Der G20 Gipfel 2017 provozierte die bislang heftigsten Auseinandersetzungen in Deutschland in diesem Jahrhundert. Wir waren vor Ort und haben kontinuierlich berichtet; in dem Monat, der seitdem vergangen ist, haben wir die Berichte aus Hamburg zusammengebracht und einen komplette Chronologie und Analyse hergestellt. Herausgekommen ist eine epische Geschichte von Staatsgewalt und breitem Widerstand dagegen, welcher auf diesem Level bislang sowohl in den USA wie auch in Nordeuropa kaum beobachtet werden konnte.

Die Kurzversion: Die Polizei versuchte mit roher Gewalt all jene, die gekommen waren um gegen den G20 zu protestieren zu isolieren und zu terrorisieren. Im Lauf der Geschehnisse brachten sie so einen großen Teil der Bevölkerung gegen sich auf und die Stadt geriet außer Kontrolle. Dies ruft uns wieder ins Bewusstsein, dass die wichtigsten Ereignisse an den Rändern von jedem gegebenen Konflikt stattfinden – die Verbreitung von Rebellion ist bedeutsamer, als die Aktionen selbsternannter Radikaler. Die Strategie der Polizei unterstreicht wie wichtig altbekannte Zwangsmittel für die Herrschaft der G20 sind; nichtsdestotrotz konnten wir beobachten wie eine entschlossene Bevölkerung selbst die best-trainierte und ausgerüstete Polizei aus-manövrieren kann. Wenn 31.000 militarisierte Polizist_innen, die ihr ganzes Repertoire bis kurz vor tödlicher Gewalt anwenden, nicht in der Lage sind die Ordnung beim wichtigsten und bestgesicherten Ereignis des Jahres in der reichsten Nation Europas aufrecht zu erhalten; dann ist es vielleicht auch wieder vorstellbar, eine Revolution zu denken.

Also müssen wir damit anfangen die Courage all jener die sich gegen den G20 aufgelehnt haben – sei dies durch das Organisieren von Demonstrationen, die Unterbringung von Gästen nachdem die Polizei die Camps angriff, durch das Mitlaufen im Black Bloc, durch die medizinische Hilfe für Opfer von Polizeigewalt oder durch das Stören der scheinheiligen „Hamburg räumt auf“ Aktion im Nachhinein – zu ehren.

Jeder Sieg bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich. Während keine*r erwartet hätte, dass sich Hamburg inmitten einer quasi militärischen Besatzung durch die Polizei erfolgreich zur Wehr setzt und eine temporär autonome Zone errichten würde, gibt dieser Erfolg rechten Autoritären und ihren angsterfüllten linken Komplizinnen eine gefundene Ausrede um nach noch mehr Staatskontrolle zu schreien. In der Konsequenz daraus haben einige Leute – insbesondere jene, die nicht in Hamburg waren – eine Verschwörungstheorie entwickelt, laut der die Autoritäten vorsätzlich der Polizei erlaubt haben die Kontrolle in Hamburg zu verlieren. Dies ist eine alte, wiederkehrende Behauptung, die jedes mal wieder auftaucht, wenn sich die Leute gegen die Polizei behaupten. Es ist ein automatisierter Reflex jener, die sich so sehr an die Kontrolle des Staates gewöhnt haben, dass sie alle Ereignisse dem Einfluss einer monolithischen, allmächtigen Autorität zuweisen. In dieser Chronologie der G20 Proteste werden wir alle Fakten zur Disposition stellen, so dass du für dich selber entscheiden kannst, was passiert ist.

Den ganzen Text mit Bildern, Videos und Links auf crimethinc.com weiterlesen.

Oder hier als PDF runterladen.

In den nächsten Wochen wird dieser Text auch als Broschüre erscheinen, die dann kostenlos bei www.black-mosquito.org bestellbar sein wird

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Interview und Bildergalerie: Gord Hill, indigener Künstler und Anarchist http://crimethinc.blogsport.de/2017/09/27/interview-und-bildergalerie-gord-hill-indigener-kuenstler-und-anarchist/ http://crimethinc.blogsport.de/2017/09/27/interview-und-bildergalerie-gord-hill-indigener-kuenstler-und-anarchist/#comments Wed, 27 Sep 2017 14:50:19 +0000 Administrator Allgemein http://crimethinc.blogsport.de/2017/09/27/interview-und-bildergalerie-gord-hill-indigener-kuenstler-und-anarchist/

Gord Hill ist ein anarchistischer Künstler und Angehöriger der Kwakwaka‘awakw-Nation, der seit Jahrzehnten in antikolonialen und antikapitalistischen Kämpfen aktiv ist. Im Laufe der Jahre wurde seine Kunst und Kritik für uns zur Quelle, aus der wir Inspiration geschöpft haben, uns jedoch auch half, uns in Frage zu stellen. Gord ist Autor zweier Comicbücher, Fünf Jahrhunderte indigener Widerstand (Comic) und Antikapitalistischer Widerstand sowie des Werks 500 Jahre indigener Widerstand. Außerdem betreibt er die Homepage Warrior Publications. Darüber hinaus zeichnet und schreibt er unter dem Pseudonym Zig Zag.

CrimethInc: Es liegt auf der Hand, dass es schon immer Überschneidungen zwischen Kunst und Widerstand gegeben hat, wir würden jedoch gerne von dir hören, wie du diese Überschneidungen bei dir selbst siehst und wo sie in der heutigen Gesellschaft anzutreffen sind.

Gord Hill: Ich denke Kunst ist insofern ein wichtiger Teil von Widerstand, als dass sie zur Herausbildung einer allgemeinen Widerstandskultur beiträgt. Kunst inspiriert, bildet, motiviert und hilft dabei zugleich, eine Geschichte des Widerstands aufrecht zu erhalten.
Dank der modernen Kommunikationsmedien – mit neuen Ausdrucksformen wie etwa Memes und GIFs – spielt Kunst heute womöglich eine noch größere Rolle in sozialen Bewegungen, obgleich ich sagen muss, dass diese neuen Formen flüchtiger erscheinen als klassische Kunstformen wie Plakate, Transparente, T-Shirts usw.
Mein Hauptaugenmerk gilt der bildenden Kunst, aber ich denke, dass es wichtig ist, die Stärke anderer Medien – wie etwa Literatur und Musik – ebenfalls anzuerkennen, die allesamt ihren Anteil am Aufbau und Erhalt einer Kultur des Widerstands haben.


Sind die ästhetischen Entscheidungen, die du in deinen Werken triffst, politisch per se?

In manchen Fällen ja, weil ich bewusst Bilder verwende, die – wie ich hoffe – empowernd oder inspirierend wirken. Ich arbeite auch häufig mit ikonischen Bildern konkreter Aktionen oder Ereignisse. Bilder also, mit denen Menschen bereits vertraut sein dürften und die helfen meinen Kunstwerken Originalität einzuhauchen.
Ein anderes Beispiel sind Sprüche auf Transparenten, die eine Botschaft vermitteln, besonders bei Comics, bei denen ich sehr begrenzt Platz für Text habe. Ich verwende ebenfalls sehr bewusst Bilder, um militante Aktionen zu „normalisieren“, beispielsweise wenn ich vermummte Personen zeichne, die Teil einer Kundgebung oder Protestaktion sind.

Gibt es andere Künstler*innen oder Traditionen, von denen du dich politisch oder ästhetisch hast inspirieren lassen?

Klar… es gibt einige Künstler*innen, die mich inspiriert haben, darunter Louis Karoniaktajeh Hall (der Mohawk-Künstler, der die Fahne der Krieger*innen entworfen und „The Warrior’s Handbook“ geschrieben hat), Art Wilson (ein Gitxsan-Künstler, der in seinem Buch publizierter Drucke mit dem Titel Heartbeat of the Earth: A First Nations Artist Records Injustice and Resistance für die Darstellung aktueller Kämpfe auf traditionelle Kunstsformen der Nordwestküste zurückgreift), Joe Sacco (der die Palästina-Comics zeichnete), und auch traditionellere indigene Künstler*innen, darunter Tony Hunt (Kwakwaka’wakw) und Mark Henderson (Kwakwaka’wakw).
Comic-Künstler*innen der alten Schule, die mich inspiriert haben, sind Jack Kirby, Alex Toth, Berni Wrightson, Alex Nino und Frank Frazetta.

Kannst du als Künstler und Historiker etwas über die Unterschiede zwischen geschriebener Geschichte und mündlicher Überlieferung sagen und wie die Verwendung von Bildsprache mit diesen Verfahren interagieren könnte?

Geschriebene Geschichte ist für Historiker*innen nützlich, weil sie Daten, Namen und Orte bereitstellt, welche beim Verständnis chronologischer Geschichtsabläufe hilfreich sind. Aus diesen Chronologien können wir beispielsweise den Ablauf von Kolonialisierung oder die Ausweitung eines Imperiums nachvollziehen.
Die europäischen Staaten erschienen nicht aus dem Nichts, sondern waren das Ergebnis einer langen Geschichte der Kolonialisierung durch die Römer*innen und Jahrhunderte des Kriegs zwischen feudalen Königreichen, die nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs aufkamen. Diese Geschichte – viel davon wurde von Zeitzeug*innen festgehalten – ist für uns hilfreich, um zu verstehen wie die Welt, in der wir heute leben, geschaffen wurde. Die mündlich überlieferte Geschichte von indigenen Menschen wurde als Sagenwelt oder in Fantasiebildern geschildert. Aber heute wissen wir, dass Ereignisse, die in mündlich überlieferter Geschichte erzählt wurden, tatsächlich reale Gegebenheiten sind, welche sich ereignet haben.
Beispielsweise gibt es weit verbreitete mündlich überlieferte Geschichten von einem Erdbeben und Tsunami aus dem 18. Jahrhundert entlang der Nordwestküste, über welche Wissenschaftler*innen jetzt als tatsächlich stattgefundene Ereignisse Bescheid wissen und die erhebliche Zerstörungen in vielen Dörfern zur Folge hatten. Die mündlich überlieferte Geschichte dieses Ereignisses schildert es als Ergebnis von Handlungen spiritueller Kräfte. Bis Wissenschaftler*innen die Geschichten mit aktuellen Ereignissen verknüpften, wurden sie im Allgemeinen als Sagen abgetan.
Im Kontext mündlich überlieferter Geschichte lässt sich sagen, dass Indigene viele Formen hatten, diese Geschichten zu schildern: mithilfe von Abbildungen wie beispielsweise Piktogrammen, mit Malereien, Perl- und Schnitzarbeit. Lieder und Tänze stellten eine weitere Form dar, mündlich überlieferte Geschichte weiterzugeben.
Heute gibt es Beispiele mündlich überlieferter Geschichte,welche immer noch verwendet werden, einschließlich Dichtung und Hip Hop. Selbst Videos mit Interviews und Erfahrungsberichten lassen sich als mündlich überlieferte Geschichte begreifen.
Ich bin der Meinung, dass Comics einen guten „Mittelweg“ darstellen. Sie kombinieren geschriebene Geschichte mit grafischen Darstellungen.

Wo siehst du Überschneidungen zwischen indigenen und anarchistischen Kämpfen?

Ich würde sagen sie treffen sich im Widerstand gegen Staat und Kapital, welcher von indigenen Menschen als antikolonialer bzw. antikapitalistischer Widerstand verstanden wird. Und es mag sein, dass das antikapitalistische Konzept dabei weniger stark ausgeprägt ist als das antikoloniale… Ich denke, dies ist vielleicht die größte Überschneidung, aber es gibt auch Konzepte wie beispielsweise antiautoritäre oder egalitäre Organisationsformen. Und obgleich sich das graduell je nach indigener Nation unterscheidet, ist es insgesamt (mit wenigen Ausnahmen) ein bedeutender Teil unserer traditionellen Kultur.

Was können nicht-indigene Anarchist*innen von indigenen Kämpfen lernen und wie können sie diese unterstützen?

Indem sie die Geschichte des europäischen Kolonialismus kennen und dies bei ihren Analysen und Aktionen berücksichtigen.

Von welchen Bewegungen aus der Vergangenheit hast du am meisten gelernt?

Ich würde sagen eindeutig von der 68er-Generation: Die American Indian und Red Power Movements, die Black Panthers ebenso wie die schwarzen Bürgerrechtskämpfe der 1950er bis 1960er, die Zapatistas. Ich wurde ebenfalls von den autonomen Bewegungen in Europa inspiriert und lernte besonders viel von jenen in Italien und Westdeutschland.

Warst du schon einmal hin und her gerissen zwischen deiner Rolle als Künstler und deiner Verantwortung für andere Formen politischen Widerstands? Falls ja, wie hast du dieses Dilemma aufgelöst?

Nein, ich war noch nie zwischen Künstlersein und anderen Formen des politischen Widerstands hin und her gerissen… Alles ist Teil einer Vielfalt an Strategien, und ich glaube, dass Propaganda ein zentraler Bestandteil von Widerstandsbewegungen und des Aufbaus widerständiger Kulturen darstellt. Allerdings bin ich auch der Überzeugung, dass Menschen, die künstlerisch, schriftstellerisch oder in anderer Form propagandistisch tätig sind, Teil einer konkreten Bewegung sein müssen, wenn sie nicht den Kontakt zum Geschehen sowie zu aktuellen Entwicklungen verlieren möchten.

Das Thema politischer Strategien hat dich im Laufe der Jahre immer wieder beschäftigt. Hast du den Eindruck, dass die Debatten in indigenen Zusammenhängen und in nicht-indigenen Kreisen Ähnlichkeiten aufweisen? Hast du im Laufe der Jahre Veränderungen bei diesen Diskussionen beobachtet?

In mancherlei Hinsicht ähneln sich die Strategiediskussionen durchaus. Beispielsweise gibt es in manchen Teilen der indigenen Bewegungen Diskussionen über das Tragen von Vermummung und die Durchführung von illegalen direkten Aktionen. Es gibt Diskussionen um Militanz, die Versorgung von Blockaden und Besetzungen, über Fragen der Sicherheit und Gegenüberwachung. Ich denke nicht, dass sich diese Diskussionen im Laufe der Jahre verändert haben, seit – sagen wir mal – der Oka-Krise von 1990. Stattdessen tauchen sie je nach Konjunktur der Bewegung irgendwann auf und verschwinden dann wieder. Veränderungen hat es vor allem in Bezug auf das Thema Internetsicherheit und die Verwendung von sozialen Medien wie Facebook gegeben. Gerade letzteres Medium wird sehr viel benutzt, aber eben auch von den Cops zu Ermittlungszwecken und zur Anklageerhebung.

Der Kampf gegen die Dakota Access Pipeline (NoDAPL) bei Standing Rock ist wohl der bekannteste Kampf nach indigener Souveränität, den wir in der letzten Zeit gesehen haben. Glaubst du, es gibt wichtige theoretische oder strategische Lehren aus der Art, wie sich dieser Kampf abgespielt hat?

Ja, ich würde behaupten die NoDAPL-Kampagne war sehr wichtig aus einer Vielzahl von Gründen. Während es eine Anzahl an Anti-Pipeline-Kampagnen in Kanada gab – und in British Columbia im Besonderen – war dies der erste Kampf gegen eine geplante Pipeline, der zum Zeitpunkt des Baubeginns stattfand. In Kanada wurde die geplante Enbridge Northern Gateway Pipeline letztendlich nach einigen Jahren indigenen Widerstands bereits im Planungsstadium aufgeben. Und die Naturgas-Pipeline, die durch Unis‘tot‘en-Land geplant war, sollte schließlich doch nicht dort gebaut werden. Deshalb war die NoDAPL-Kampagne die erste, die aktiv den Bau einer Pipeline verhinderte.
Ich glaube, dass die NoDAPL-Kampagne besonders für Natives in den USA sehr wichtig war, und ich bin sicher Tausende indigener Jugendlicher wurden bis zu einem gewissen Grad während ihrer Teilnahme radikalisiert.
Letztlich missglückte die NoDAPL-Kampagne jedoch. Ich würde vermuten, dies passierte aus mehreren Gründen. Der Hauptgrund war, dass der Widerstand – trotz einiger militanter Aktionen – hauptsächlich aus den „gewaltfreiem Widerstand“ und pazifistischen Aktionsformen setzte.
Neben den Mangel an Erfahrung von Seiten der Angehörigen des Standing-Rock-Reservats waren es hauptsächlich NGO-Hauptamtliche, die die Strategiediskussionen beherrschten und jeglichen Versuch unterbanden, einen Aktionskonsens zu finden, der auf einer Vielzahl von Taktiken beruhte.
Als Gegenbeispiel möchte ich auf den Widerstand verweisen, der 2013 von den Mi‘kmaq in New Brunswick gegen Vorarbeiten für Fracking-Verfahren organisiert wurde. Sie hatten keine Tausende Leute, die sich zusammenfanden. Sie hatten keine Berühmtheiten, die daran teilnahmen. Und sie hatten keine Zehntausende von Dollar zur Verfügung. Sie mobilisierten ihre Gemeinschaft und nach einem kurzen Versuch des gewaltfreien, zivilen Ungehorsams organisierten sie militantere Sachen, darunter Sabotage-Aktionen und Straßenblockaden.
Ihre Hauptblockade wurde von der Polizei im Oktober 2013 geräumt, was sechs abgefackelte Polizeifahrzeuge zur Folge hatte. Daraufhin verwendeten sie vermehrt mobile Blockaden aus brennende Reifen, um die Vorarbeiten zu stören. Schließlich zog sich das Unternehmen SWN Resources zurück, bevor es die Arbeit fertig gestellt hatte. Und im darauf folgenden Jahr wurde eine Regionalwahl abgehalten, bei die Pro-Fracking-Fraktion abgewählt wurde – im Rahmen einer Wahl, die allgemein als Referendum über das Fracking angesehen wurde.
Die neue Regierung erließ ein Moratorium auf das Fracking. Und obgleich sie viel weniger Leute waren und weit weniger Ressourcen zur Verfügung hatten als in Standing Rock, trugen die Mi‘kmaq dennoch den Sieg davon.
Aus dem Vergleich dieser beiden Kampagnen lassen sich viele Erkenntnisse ziehen und ich würde sogar davor warnen, das Beispiel von Standing Rock wiederholen zu wollen, weil es letztlich bezwungen worden ist.

Weiterführende Literatur:
* Warrior Publications
* Die Berichterstattung von CrimethInc zur Räumung von Standing Rock

Von: CrimethInc. Ex-Workers Collective / Übersetzung: madalton und jt / Erschienen in der Gai Dao 9/17
Originaltext

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„Solidarität mit der Polizei!“ http://crimethinc.blogsport.de/2017/07/17/solidaritaet-mit-der-polizei/ http://crimethinc.blogsport.de/2017/07/17/solidaritaet-mit-der-polizei/#comments Mon, 17 Jul 2017 17:57:28 +0000 Administrator Allgemein http://crimethinc.blogsport.de/2017/07/17/solidaritaet-mit-der-polizei/ „Solidarität mit der Polizei“

Über die Ausreden, die die Polizeigewalt in Hamburg legitimieren sollen.

Wenn die Regierung 20.000 Polizist_innen in einer Stadt versammelt, um Demonstrationen mit Gewalt zu unterdrücken und die Menschen sich in Reaktion darauf verteidigen, braucht es schon eine ordentlich faschistoide Grundhaltung, um zu argumentieren, dass das Problem der „Linksextremismus“ ist. Dies ist schierer Opportunismus. Die verwendete Strategie ist einfach: verbreite Angst, terrorisiere die Bevölkerung und wenn es jemand wagt Widerstand zu leisten, dann verwende dies als einen Vorwand, um noch mehr gewalttätige Repression zu fordern. Jede_r, die/der in Hamburg war, weiß, dass es die Polizei war, die zuerst zugeschlagen hat, als sie fast eine Woche vor Beginn des G20-Gipfels grundlos Übergriffe durchführte.

Sicher, einige Anarchist_innen und andere Gegner_innen des Totalitarismus waren von außerhalb angereist, um die lokalen Vorbereitungen gegen den G20-Gipfel zu unterstützen. Viele Menschen betrachteten es als ungerecht, dass der Gipfel einer Stadt aufgezwungen wurde, die ihn nicht wollte – ein typisches Beispiel dafür, wie das Regelwerk der G20 unwilligen Bevölkerungen aufgezwungen wird. Und nachdem mensch die Polizeiarbeit während des G20 sehen konnte, wer könnte es jemandem übel nehmen, Solidarität mit den Bewohner_innen Hamburgs zeigen zu wollen?

Aber – hätten tausend „Linksextremisten“, bewaffnet mit nichts als den Steinen unter ihren Füßen, 20.000 von Kopf bis Fuß gepanzerte und mit Wasserwerfern ausgerüstete Polizist_innen besiegen können? Selbstverständlich nicht. Es brauchte zehntausende von Menschen, um die Polizei zurückzudrängen – und eine große Anzahl von ihnen waren Hamburger Bürger_innen, und keine „Linksextremisten“. Auch wenn einige Menschen mit der Absicht zu den Demonstrationen gekommen waren Dinge zu zerstören, konnte sich die Lage nur so weit zuspitzen, weil so viele „normale Menschen“ mitgemacht haben.

Viele der Menschen, die an den Kämpfen in Hamburg teilgenommen haben, sind nicht als erklärte Gegner_innen der Polizei zum G20 gekommen. Erst als sie die Gewalt und das unfaire Verhalten der Polizei am Donnerstag, den 6 Juli sahen, verstanden sie, dass sie sich für eine Seite entscheiden mussten. Deshalb war der Widerstand am Freitag, den 7. Juli, in der zweiten Nacht der Zusammenstöße so viel stärker. Samstag Nacht, am Ende des 8. Juli, hatten die meisten Aktivist_innen bereits die Straßen verlassen und nur die Hamburger_innen, die in den vorangegangenen 48 Stunden in den Konflikt gezogen worden waren, blieben noch übrig.

Trotz all dessen versuchen Politiker_innen, Mainstreammedien und Rechtspopulisten die Reaktionen, die durch die unbarmherzige polizeiliche Repression hervorgerufen wurden, zu verwenden, um eben diese Repression im Nachhinein zu rechtfertigen. Der Bürgermeister Hamburgs Olaf Scholz ging sogar so weit zu behaupten, dass es keine Polizeigewalt gegeben habe. Sie lügen dich unverblümt an: zynischer weise gehen sie davon aus, dass du nicht in Hamburg warst und dass du alles glauben wirst, was sie dir erzählen. Zum Beispiel wissen alle, die in der Nacht des 7. Juli im Schanzenviertel waren, als die Polizei für ein paar Stunden aus dem Viertel gedrängt wurde, dass es innerhalb der Barrikaden viel sicherer war als in den Stadtteilen, in denen die Polizei weiterhin Menschen angegriffen hat. Als die Polizei zurück in das Viertel kam, berichten Sanitäter_innen davon, dass sie und die Verletzen, die sie gerade in einem Haus versorgten, mit scharfen Waffen bedroht wurden. Nichtsdestotrotz: wenn Politiker_innen und Mainstreammedien von „Gewalt“ sprechen, meinen sie damit nicht Polizisten die drohen Leute zu erschießen. Sie meinen auch nicht Tränengasgranaten, Wasserwerfer, Pfefferspray, Polizeikessel oder Polizist_innen, die Gefangene schlagen. Sie meinen die Reaktionen der Menschen auf diese Dinge.

In diesem Sinne nannte die konservative Bild die Polizei „Helden“, um ihren fragwürdigen öffentlichen Dienst zu würdigen, bei dem sie jeden Befehl, Menschen brutal anzugreifen, ausführten, um ihr Gehalt zu erhalten – und forderte ihre Leser_innen dazu auf „Solidarität mit der Polizei“ zu zeigen.

Solidarität mit der Polizei! Nimm einen Knüppel und verprügle dich selbst! Öffne einen Hydrant, halte dein Gesicht rein und spiele Wasserwerfer! Nimm scharfes Chili und reibe es dir ins Auge! Lege die Straßen in deiner Nachbarschaft still, halte deine Nachbar_innen in ihren Häusern gefangen – und verlange dafür Geld! Und dann überreiche dir selbst eine Medaille dafür, dass du so ein guter Bürger bist!

Die Bild animierte ihre Leser_innen dazu Geld für die Polizei zu sammeln. Es scheint also nicht ausreichend zu sein, dass diese Schläger, die herum rennen und Leute schlagen und einpfeffern, bereits von deinen Steuern bezahlt werden – nein, sie verdienen anscheinend sogar noch mehr Geld. Vielleicht sollte noch wer eine Solidaritätskampagne mit den G20 AnführerInnen organisieren, damit wir alle Donald Trump noch ein bisschen extra Geld aus unserer eigenen Tasche geben können? Sicher werden die Milliardäre und die ihnen dienenden Polizisten nicht genug Geld haben, bis jeder einzelne Cop in seinem eigenen Wasserwerfer durch die Gegend fahren und die Welt in Pfefferspray einnebeln kann.

An anderer Stelle in der Bild erfahren wir, dass fast 500 Polizist_innen während des G20 verletzt wurden. Das ist eine reine Lüge: relativ schnell kam heraus, dass es sich nur um 231 verletzte Polizist_innen handelte, von denen nur 21 nicht direkt wieder ihre Pflicht ausüben konnten. In dieser Statistik sind zudem 130 Polizisten aus Hessen enthalten, die in ihr eigenes Gas rannten. Es wird nun Mitgefühl von uns erwartet für Polizisten, die sich mit den selben Waffen verletzen, die sie gegen alle anderen anwenden, wobei sie die einzigen sind, die staatlich bezahlte Schutzkleidung dagegen trugen!

Was ist mit den anderen 101 verletzten Polizist_innen? Es wäre spannend zu erfahren wie viele davon sich selbst beim Schlagen, Treten oder auf der Jagd nach Demonstrant_innen verletzt haben – und wie viele von denen durch „friendly fire“ ihrer Kollegen verletzt wurden. Und nochmal: dabei waren sie alle durch eine mehrere tausend Euro teure Ausrüstung geschützt, im Gegensatz zu den Opfern ihrer Angriffe.

In jedem Fall – wenn es so gefährlich ist, herum zu rennen und eine größtenteils unbewaffnete Bevölkerung brutal einzupfeffern und einzuschüchtern, dann wäre es vielleicht besser es einfach bleiben zu lassen. Wenn die Autoritäten wirklich um das Wohlergehen ihrer Beamten besorgt wären, dann hätten sie sie vielleicht nicht dazu bringen sollen die Zivilbevölkerung zusammen zuschlagen.

Die selbe verlogene Bild interviewt einen Polizisten, der angibt während der G20 Proteste nur eine Stunde in zwei Nächten geschlafen zu haben. Das wirklich verwunderliche daran ist, dass überhaupt einer dieser Polizisten je schlafen kann! Wenn sich irgendeine_r von uns als Söldner_in verkaufen würde und dann die Zivilbevölkerung schlagen und demütigen müsste, würde unser Gewissen dafür sorgen, dass wir kein Auge mehr zu kriegen, in keiner Nacht.

Wir können hier die Folterknechte dabei beobachten wie sie Sympathien für einen Nietnagel beim zuschrauben der Daumenschraube erwarten – den großen Inquisitor, der sich darüber beschwert sich beim Anzünden einer Hexe den Finger verbrannt zu haben. Sicherlich ist es ein harter Job, wenn mensch die ganze Zeit ein Arschloch zu allen sein muss – aber niemand muss Bulle sein.

Es steht fest, dass die Welt der G20 ohne Gewalt wie diese gar nicht erst möglich wäre. Es lässt sich keine äußerst unpopuläre Ordnung ohne Tränengas und Wasserwerfer aufzwingen. Die Polizeigewalt in Hamburg hat gezeigt, dass Merkel und Macron keine wirkliche Alternative zu Trump, Putin und Erdogan darstellen. Sie alle verlassen sich auf die selben Polizeitaktiken, auf die Ausübung brutaler Gewalt. Die Erfahrungen auf der Empfängerseite ihrer Regierungen werden immer identischer: steigende Überwachung, Kontrolle und Brutalität.

Also – wenn du siehst wie Sturmtruppen Menschen verletzen, identifizierst du dich dann mit den Sturmtruppen oder den Menschen? Dies ist eine der wesentlichen politischen Fragen des 21. Jahrhunderts. Auf der einen Seite versammelt diese Frage Politiker_innen und Expert_innen aller Richtungen, zusammen mit Polizisten und erklärten FaschistInnen. Auf der anderen Seite versammelt sie Anarchist_innen, Rebellen und gewöhnliche Menschen, die die Tyrannei auf der Straße ablehnen.

Die Fronten sind klar.

“Fenster klirren und ihr schreit, Menschen sterben und ihr schweigt!”

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