Interview und Bildergalerie: Gord Hill, indigener Künstler und Anarchist

Gord Hill ist ein anarchistischer Künstler und Angehöriger der Kwakwaka‘awakw-Nation, der seit Jahrzehnten in antikolonialen und antikapitalistischen Kämpfen aktiv ist. Im Laufe der Jahre wurde seine Kunst und Kritik für uns zur Quelle, aus der wir Inspiration geschöpft haben, uns jedoch auch half, uns in Frage zu stellen. Gord ist Autor zweier Comicbücher, Fünf Jahrhunderte indigener Widerstand (Comic) und Antikapitalistischer Widerstand sowie des Werks 500 Jahre indigener Widerstand. Außerdem betreibt er die Homepage Warrior Publications. Darüber hinaus zeichnet und schreibt er unter dem Pseudonym Zig Zag.

CrimethInc: Es liegt auf der Hand, dass es schon immer Überschneidungen zwischen Kunst und Widerstand gegeben hat, wir würden jedoch gerne von dir hören, wie du diese Überschneidungen bei dir selbst siehst und wo sie in der heutigen Gesellschaft anzutreffen sind.

Gord Hill: Ich denke Kunst ist insofern ein wichtiger Teil von Widerstand, als dass sie zur Herausbildung einer allgemeinen Widerstandskultur beiträgt. Kunst inspiriert, bildet, motiviert und hilft dabei zugleich, eine Geschichte des Widerstands aufrecht zu erhalten.
Dank der modernen Kommunikationsmedien – mit neuen Ausdrucksformen wie etwa Memes und GIFs – spielt Kunst heute womöglich eine noch größere Rolle in sozialen Bewegungen, obgleich ich sagen muss, dass diese neuen Formen flüchtiger erscheinen als klassische Kunstformen wie Plakate, Transparente, T-Shirts usw.
Mein Hauptaugenmerk gilt der bildenden Kunst, aber ich denke, dass es wichtig ist, die Stärke anderer Medien – wie etwa Literatur und Musik – ebenfalls anzuerkennen, die allesamt ihren Anteil am Aufbau und Erhalt einer Kultur des Widerstands haben.


Sind die ästhetischen Entscheidungen, die du in deinen Werken triffst, politisch per se?

In manchen Fällen ja, weil ich bewusst Bilder verwende, die – wie ich hoffe – empowernd oder inspirierend wirken. Ich arbeite auch häufig mit ikonischen Bildern konkreter Aktionen oder Ereignisse. Bilder also, mit denen Menschen bereits vertraut sein dürften und die helfen meinen Kunstwerken Originalität einzuhauchen.
Ein anderes Beispiel sind Sprüche auf Transparenten, die eine Botschaft vermitteln, besonders bei Comics, bei denen ich sehr begrenzt Platz für Text habe. Ich verwende ebenfalls sehr bewusst Bilder, um militante Aktionen zu „normalisieren“, beispielsweise wenn ich vermummte Personen zeichne, die Teil einer Kundgebung oder Protestaktion sind.

Gibt es andere Künstler*innen oder Traditionen, von denen du dich politisch oder ästhetisch hast inspirieren lassen?

Klar… es gibt einige Künstler*innen, die mich inspiriert haben, darunter Louis Karoniaktajeh Hall (der Mohawk-Künstler, der die Fahne der Krieger*innen entworfen und „The Warrior’s Handbook“ geschrieben hat), Art Wilson (ein Gitxsan-Künstler, der in seinem Buch publizierter Drucke mit dem Titel Heartbeat of the Earth: A First Nations Artist Records Injustice and Resistance für die Darstellung aktueller Kämpfe auf traditionelle Kunstsformen der Nordwestküste zurückgreift), Joe Sacco (der die Palästina-Comics zeichnete), und auch traditionellere indigene Künstler*innen, darunter Tony Hunt (Kwakwaka’wakw) und Mark Henderson (Kwakwaka’wakw).
Comic-Künstler*innen der alten Schule, die mich inspiriert haben, sind Jack Kirby, Alex Toth, Berni Wrightson, Alex Nino und Frank Frazetta.

Kannst du als Künstler und Historiker etwas über die Unterschiede zwischen geschriebener Geschichte und mündlicher Überlieferung sagen und wie die Verwendung von Bildsprache mit diesen Verfahren interagieren könnte?

Geschriebene Geschichte ist für Historiker*innen nützlich, weil sie Daten, Namen und Orte bereitstellt, welche beim Verständnis chronologischer Geschichtsabläufe hilfreich sind. Aus diesen Chronologien können wir beispielsweise den Ablauf von Kolonialisierung oder die Ausweitung eines Imperiums nachvollziehen.
Die europäischen Staaten erschienen nicht aus dem Nichts, sondern waren das Ergebnis einer langen Geschichte der Kolonialisierung durch die Römer*innen und Jahrhunderte des Kriegs zwischen feudalen Königreichen, die nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs aufkamen. Diese Geschichte – viel davon wurde von Zeitzeug*innen festgehalten – ist für uns hilfreich, um zu verstehen wie die Welt, in der wir heute leben, geschaffen wurde. Die mündlich überlieferte Geschichte von indigenen Menschen wurde als Sagenwelt oder in Fantasiebildern geschildert. Aber heute wissen wir, dass Ereignisse, die in mündlich überlieferter Geschichte erzählt wurden, tatsächlich reale Gegebenheiten sind, welche sich ereignet haben.
Beispielsweise gibt es weit verbreitete mündlich überlieferte Geschichten von einem Erdbeben und Tsunami aus dem 18. Jahrhundert entlang der Nordwestküste, über welche Wissenschaftler*innen jetzt als tatsächlich stattgefundene Ereignisse Bescheid wissen und die erhebliche Zerstörungen in vielen Dörfern zur Folge hatten. Die mündlich überlieferte Geschichte dieses Ereignisses schildert es als Ergebnis von Handlungen spiritueller Kräfte. Bis Wissenschaftler*innen die Geschichten mit aktuellen Ereignissen verknüpften, wurden sie im Allgemeinen als Sagen abgetan.
Im Kontext mündlich überlieferter Geschichte lässt sich sagen, dass Indigene viele Formen hatten, diese Geschichten zu schildern: mithilfe von Abbildungen wie beispielsweise Piktogrammen, mit Malereien, Perl- und Schnitzarbeit. Lieder und Tänze stellten eine weitere Form dar, mündlich überlieferte Geschichte weiterzugeben.
Heute gibt es Beispiele mündlich überlieferter Geschichte,welche immer noch verwendet werden, einschließlich Dichtung und Hip Hop. Selbst Videos mit Interviews und Erfahrungsberichten lassen sich als mündlich überlieferte Geschichte begreifen.
Ich bin der Meinung, dass Comics einen guten „Mittelweg“ darstellen. Sie kombinieren geschriebene Geschichte mit grafischen Darstellungen.

Wo siehst du Überschneidungen zwischen indigenen und anarchistischen Kämpfen?

Ich würde sagen sie treffen sich im Widerstand gegen Staat und Kapital, welcher von indigenen Menschen als antikolonialer bzw. antikapitalistischer Widerstand verstanden wird. Und es mag sein, dass das antikapitalistische Konzept dabei weniger stark ausgeprägt ist als das antikoloniale… Ich denke, dies ist vielleicht die größte Überschneidung, aber es gibt auch Konzepte wie beispielsweise antiautoritäre oder egalitäre Organisationsformen. Und obgleich sich das graduell je nach indigener Nation unterscheidet, ist es insgesamt (mit wenigen Ausnahmen) ein bedeutender Teil unserer traditionellen Kultur.

Was können nicht-indigene Anarchist*innen von indigenen Kämpfen lernen und wie können sie diese unterstützen?

Indem sie die Geschichte des europäischen Kolonialismus kennen und dies bei ihren Analysen und Aktionen berücksichtigen.

Von welchen Bewegungen aus der Vergangenheit hast du am meisten gelernt?

Ich würde sagen eindeutig von der 68er-Generation: Die American Indian und Red Power Movements, die Black Panthers ebenso wie die schwarzen Bürgerrechtskämpfe der 1950er bis 1960er, die Zapatistas. Ich wurde ebenfalls von den autonomen Bewegungen in Europa inspiriert und lernte besonders viel von jenen in Italien und Westdeutschland.

Warst du schon einmal hin und her gerissen zwischen deiner Rolle als Künstler und deiner Verantwortung für andere Formen politischen Widerstands? Falls ja, wie hast du dieses Dilemma aufgelöst?

Nein, ich war noch nie zwischen Künstlersein und anderen Formen des politischen Widerstands hin und her gerissen… Alles ist Teil einer Vielfalt an Strategien, und ich glaube, dass Propaganda ein zentraler Bestandteil von Widerstandsbewegungen und des Aufbaus widerständiger Kulturen darstellt. Allerdings bin ich auch der Überzeugung, dass Menschen, die künstlerisch, schriftstellerisch oder in anderer Form propagandistisch tätig sind, Teil einer konkreten Bewegung sein müssen, wenn sie nicht den Kontakt zum Geschehen sowie zu aktuellen Entwicklungen verlieren möchten.

Das Thema politischer Strategien hat dich im Laufe der Jahre immer wieder beschäftigt. Hast du den Eindruck, dass die Debatten in indigenen Zusammenhängen und in nicht-indigenen Kreisen Ähnlichkeiten aufweisen? Hast du im Laufe der Jahre Veränderungen bei diesen Diskussionen beobachtet?

In mancherlei Hinsicht ähneln sich die Strategiediskussionen durchaus. Beispielsweise gibt es in manchen Teilen der indigenen Bewegungen Diskussionen über das Tragen von Vermummung und die Durchführung von illegalen direkten Aktionen. Es gibt Diskussionen um Militanz, die Versorgung von Blockaden und Besetzungen, über Fragen der Sicherheit und Gegenüberwachung. Ich denke nicht, dass sich diese Diskussionen im Laufe der Jahre verändert haben, seit – sagen wir mal – der Oka-Krise von 1990. Stattdessen tauchen sie je nach Konjunktur der Bewegung irgendwann auf und verschwinden dann wieder. Veränderungen hat es vor allem in Bezug auf das Thema Internetsicherheit und die Verwendung von sozialen Medien wie Facebook gegeben. Gerade letzteres Medium wird sehr viel benutzt, aber eben auch von den Cops zu Ermittlungszwecken und zur Anklageerhebung.

Der Kampf gegen die Dakota Access Pipeline (NoDAPL) bei Standing Rock ist wohl der bekannteste Kampf nach indigener Souveränität, den wir in der letzten Zeit gesehen haben. Glaubst du, es gibt wichtige theoretische oder strategische Lehren aus der Art, wie sich dieser Kampf abgespielt hat?

Ja, ich würde behaupten die NoDAPL-Kampagne war sehr wichtig aus einer Vielzahl von Gründen. Während es eine Anzahl an Anti-Pipeline-Kampagnen in Kanada gab – und in British Columbia im Besonderen – war dies der erste Kampf gegen eine geplante Pipeline, der zum Zeitpunkt des Baubeginns stattfand. In Kanada wurde die geplante Enbridge Northern Gateway Pipeline letztendlich nach einigen Jahren indigenen Widerstands bereits im Planungsstadium aufgeben. Und die Naturgas-Pipeline, die durch Unis‘tot‘en-Land geplant war, sollte schließlich doch nicht dort gebaut werden. Deshalb war die NoDAPL-Kampagne die erste, die aktiv den Bau einer Pipeline verhinderte.
Ich glaube, dass die NoDAPL-Kampagne besonders für Natives in den USA sehr wichtig war, und ich bin sicher Tausende indigener Jugendlicher wurden bis zu einem gewissen Grad während ihrer Teilnahme radikalisiert.
Letztlich missglückte die NoDAPL-Kampagne jedoch. Ich würde vermuten, dies passierte aus mehreren Gründen. Der Hauptgrund war, dass der Widerstand – trotz einiger militanter Aktionen – hauptsächlich aus den „gewaltfreiem Widerstand“ und pazifistischen Aktionsformen setzte.
Neben den Mangel an Erfahrung von Seiten der Angehörigen des Standing-Rock-Reservats waren es hauptsächlich NGO-Hauptamtliche, die die Strategiediskussionen beherrschten und jeglichen Versuch unterbanden, einen Aktionskonsens zu finden, der auf einer Vielzahl von Taktiken beruhte.
Als Gegenbeispiel möchte ich auf den Widerstand verweisen, der 2013 von den Mi‘kmaq in New Brunswick gegen Vorarbeiten für Fracking-Verfahren organisiert wurde. Sie hatten keine Tausende Leute, die sich zusammenfanden. Sie hatten keine Berühmtheiten, die daran teilnahmen. Und sie hatten keine Zehntausende von Dollar zur Verfügung. Sie mobilisierten ihre Gemeinschaft und nach einem kurzen Versuch des gewaltfreien, zivilen Ungehorsams organisierten sie militantere Sachen, darunter Sabotage-Aktionen und Straßenblockaden.
Ihre Hauptblockade wurde von der Polizei im Oktober 2013 geräumt, was sechs abgefackelte Polizeifahrzeuge zur Folge hatte. Daraufhin verwendeten sie vermehrt mobile Blockaden aus brennende Reifen, um die Vorarbeiten zu stören. Schließlich zog sich das Unternehmen SWN Resources zurück, bevor es die Arbeit fertig gestellt hatte. Und im darauf folgenden Jahr wurde eine Regionalwahl abgehalten, bei die Pro-Fracking-Fraktion abgewählt wurde – im Rahmen einer Wahl, die allgemein als Referendum über das Fracking angesehen wurde.
Die neue Regierung erließ ein Moratorium auf das Fracking. Und obgleich sie viel weniger Leute waren und weit weniger Ressourcen zur Verfügung hatten als in Standing Rock, trugen die Mi‘kmaq dennoch den Sieg davon.
Aus dem Vergleich dieser beiden Kampagnen lassen sich viele Erkenntnisse ziehen und ich würde sogar davor warnen, das Beispiel von Standing Rock wiederholen zu wollen, weil es letztlich bezwungen worden ist.

Weiterführende Literatur:
* Warrior Publications
* Die Berichterstattung von CrimethInc zur Räumung von Standing Rock

Von: CrimethInc. Ex-Workers Collective / Übersetzung: madalton und jt / Erschienen in der Gai Dao 9/17
Originaltext


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