Archiv für Februar 2016

Anarchismus & Alkohol

Betrunken, dicht, zu, berauscht, blau, breit, voll, besoffen, knülle. Jeder hat von den Inuit gehört, die einhundert Worte für Schnee haben; wir haben einhundert Worte für betrunken. Wir verewigen unsere eigene Kultur der Niederlage.

Ich sehe das Grinsen auf deinem Gesicht: Sind diese Anarchist*innen so verspannt, dass sie über den einzig spaßigen Aspekt des Anarchismus urteilen – das Bier nach dem Krawall, den Alkohol in der Kneipe, wo all diese leeren Versprechungen verbreitet werden? Was machen die überhaupt um Spaß zu haben – ein schlechtes Bild werfen auf den bisschen Spaß, den wir haben? Können wir nicht einen Moment entspannen und eine gute Zeit haben?

Versteht uns nicht falsch: wir sprechen uns nicht gegen Genuss aus, sondern für ihn. Ambrose Bierce definiert einen Asketen als „eine schwache Person, die der Versuchung erliegt, sich selbst Vergnügen vorzuenthalten“. Wir stimmen zu. Chuck Baudelaire schrieb, du musst immer high sein – alles hängt davon ab. Also sind wir nicht gegen das betrunken sein, aber gegen das Trinken! Alle die trinken, um betrunken zu werden, verwehren sich ein wundervolles Leben.

Koffein oder Zucker ersetzen nur Stoffe, die das Leben selbst erzeugen kann. Der Mensch, der niemals Kaffee trinkt, braucht ihn nach dem Aufstehen nicht: der Körper produziert Energie und weiß diese gezielt einzusetzen. Wenn mensch regelmäßig Koffein zu sich nimmt, übernimmt der Kaffee nach kurzer Zeit diese Funktion und mensch wird abhängig. So sorgt Alkohol künstlich über einen kurzen Zeitraum für Entspannung und Erleichterung während all das verkümmert, was das Leben wirklich erholsam und befreiend macht.

Wenn manche abstinenten Menschen in dieser Gesellschaft nicht so unbekümmert und frei erscheinen wie ihr betrunkenes Pendant, ist dies ein reiner Zufall der Kultur, nichts mehr als Indizien. Diese Puritaner existieren in derselben Welt, in der sich durch den Alkoholismus ihrer Freunde, jede Magie und jeder Schöpfergeist aufgelöst haben, unterstützt von Kapitalismus, Hierarchien und dem Leid, die der Alkohol mit aufrecht hält. Der einzige Unterschied ist, dass sie die Dreistigkeit besitzen sich sogar der falschen Magie und des Geistes aus der Flasche zu verwehren. Andere „nüchterne“ Personen, solche die eher in Ekstase leben, gibt es reichlich, wenn du genau hin schaust. Für diese Personen – für uns – ist das Leben eine dauerhafte Feier, die keine Steigerung braucht und von der wir keine Erholung brauchen. Alkohol, Antidepressiva und andere stimmungsverändernde Drogen, die dem Staat viel Geld einbringen, ersetzen eine symptomatische Therapie, die die Krankheit beseitigt, nicht aber deren Ursache. Es nimmt dem stumpfen, düsteren Dasein den Schmerz für eine kurze Zeit und bringt ihn dann mit doppelter Wucht zurück. Drogen ersetzen nicht nur positive Handlungen, die sich an die Wurzel unserer Verzweiflung richten – sie verhindern sie, da mehr Energie darauf gezielt wird, den Zustand des Rauschs zu erreichen und sich anschließend wieder von ihm zu erholen. Wie der Urlaub bei dem*der Arbeiter*in, dient Alkohol als ein Ventil, über das Dampf abgelassen wird, während das System das ihn erzeugt aufrechterhalten bleibt.

In dieser kalten automatisierten Gesellschaft haben wir uns daran gewöhnt, wie Maschinen zu funktionieren, die bedient werden: füge die notwendige Chemikalie zur Gleichung um das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Für unsere Suche nach Gesundheit, Freude, dem Sinn des Lebens, rennen wir von einem Wundermittel zum anderen – Viagra, Vitamin C, Vodka – anstatt unser Leben ganzheitlich und unsere Probleme an der sozialen und ökonomischen Wurzel anzugehen. Dies konsumorientierte Denkweise ist das Fundament unserer entfremdeten Konsumgesellschaft: ohne Produkte zu konsumieren, können wir nicht leben! Wir versuchen Entspannung, Gesellschaft und Selbstbewusstsein zu kaufen – jetzt kommt sogar Ekstase durch das Schlucken von Ecstasy!

Wir wollen Ekstase als eine Lebenseinstellung, nicht als eine leberzerstörende Erholung von unserem Leben. „Das Leben ist scheiße, werde betrunken“ ist der Kern des Arguments, das wir von unseren Meistern hören. Wir wiederholen es selbst, aufgrund irgendwelcher beiläufiger und unwichtiger Wahrheiten, auf die es sich vielleicht bezieht – aber wir fallen nicht länger darauf rein! Gegen die Trunkenheit und für den Rausch! Brennt die Schnapsläden nieder und errichtet Spielplätze! Für eine ekstatische Nüchternheit!
(mehr…)

WARUM WIR KEINE FORDERUNGEN STELLEN


Von Occupy bis Ferguson: Immer wenn eine neue Graswurzelbewegung entsteht, bemängeln Expert*innen, das Fehlen klarer Forderungen. Warum fassen Protestierende ihre Ziele nicht zu einem einheitlichen Programm zusammen? Warum gibt’s da keine Vertreter*innen, die mit den Herrschenden verhandeln können, um konkrete Vorstellungen über institutionelle Wege voranzubringen? Warum können sich diese Bewegungen nicht in vertrauter Sprache und mit angemessenem Anstand ausdrücken?

Oft ist dies die hinterlistige Rhetorik derer, die sich von Bewegungen die Beschränkung auf gesittete Appelle wünschen. Wenn wir einen Plan verfolgen, den sie lieber nicht wahrhaben wollen, erklären sie diesen für irrational oder unschlüssig. Vergleiche den „People‘s Climate March“ letzten Jahres, der 400.000 Personen hinter einer einfachen Botschaft vereinte und so wenig Protest mit sich brachte, dass die Polizei nicht mal eine einzige Person festnehmen musste, mit den Baltimore Riots ab April 2015. Viele priesen den Climate March, während sie die Aufstände in Baltimore als irrational, skrupellos und unwirksam verspotteten; der Climate March hatte jedoch wenig konkrete Auswirkungen, während die Aufstände in Baltimore die Staatsanwaltschaft dazu zwangen, eine beispiellose Menge von Polizist*innen anzuklagen. Du kannst dich darauf verlassen: Würden 400.000 Menschen auf den Klimawandel so reagieren, wie ein paar tausend auf den Mord an Freddie Gray, würden die Politiker*innen ihre Prioritäten anders setzen.

Selbst solche, die aus besten Absichten Forderungen fordern, missverstehen Forderungslosigkeit eher als ein Versäumnis, als eine strategische Entscheidung. Die heutigen forderungslosen Bewegungen sind kein Ausdruck politischer Unreife – sie sind pragmatische Antworten auf die Sackgasse, des gesamten politische Systems. (mehr…)