Archiv für Januar 2013

Das Produkt ist das Exkrement der Tat

(von Jeannette Winterson, erschienen in Days of War)

„Manchmal“ sagte Julia „fühle ich die Vergangenheit und die Zukunft so stark an mir zerren, dass gar kein Raum mehr für die Gegenwart bleibt.“

Ehrlich! Wann hast du dass letzte mal einen ganzen Tag damit verbracht, einfach das zu genießen, was du gerade gemacht und gefühlt hast? Genuss um seiner selbst willen, ohne dabei an die Zukunft zu denken oder dir über die weit in der Zukunft liegenden Konsequenzen Sorgen zu machen?

Wann hast du das letzte Mal einen ganzen Monat auf diese Weise gelebt?

Tust du dich schwer, deine Verantwortlichkeit zu vergessen, deine Ziele, deine Produktivität, und nur im Hier und Jetzt zu sein?

Heutzutage dreht sich unser Leben um Dinge. Wir bestimmen unseren Wert als Ausdruck unserer materiellen Besitztümer: als Ausdruck unserer Kontrolle über Dinge, die außerhalb von uns Selbst stehen. Wir beurteilen unseren Erfolg im Leben in Bezug auf unsere „Produktivität“, d.h. in Bezug auf unsere Fähigkeit diese Dinge zu erzeugen. Unser soziales System dreht sich mehr als alles andere um die Produktion und Konsumption von Gütern. Auch wenn wir dabei nicht an materielle Objekte denken, so stellen wir uns gegenseitig unser Leben als Ding dar: Wir äußern unsere Glückwünsche, unsere Zukunftsaussichten, unsere soziale Stellung… alles, nur nicht wie wir uns gerade fühlen. Das Resultat rechtfertigt die Mittel, sagen wir. Das heißt, das Produkt unserer Handlungen, das Endresultat unseres Lebens ist uns wichtiger als der Lauf des Lebens selbst.

Aber Produkte sind die Exkremente von Taten. Das Produkt ist was übrig bleibt wenn der Staub fällt und der Puls sich normalisiert, wenn der Tag zu Ende ist und der Sarg in den Boden herabgelassen wird. Wir existieren nicht im gefallenen Staub oder in einer Wertauflistung; wir sind hier in der Gegenwart, im Prozess des Handelns, des Erschaffens und Fühlens. Genau wie wir versuchen uns unsterblich zu machen, indem wir uns in die Welt starrer, unsterblicher Abbilder fliehen, genau so fliehen wir vor uns selbst wenn wir lieber an das Resultat unserer Handlungen denken anstatt die Erfahrung dieser Handlungen selbst mitzunehmen. Letztendlich ist es ja auch ziemlich kompliziert dir tatsächlich die Frage zu stellen, ob du dich gerade wirklich wohl fühlst und was du gerade tatsächlich im Moment für Gefühle hast. Es ist wesentlich einfacher sich auf die Resultate zu konzentrieren, die anstrengenden Anzeichen deines Lebens. Es scheint so als seien diese Dinge einfacher zu verstehen und einfacher zu kontrollieren.

Natürlich ist der/die durchschnittliche ArbeiterIn heutzutage gewohnt über das Resultat anstatt die Mittel nachzudenken. Der Großteil der Zeit und Energie wird für einen Job aufgewendet, der eigene Träume höchstwahrscheinlich nicht erfüllt. Jeden Monat wird auf den Zahltag gewartet, denn aus der Gehaltsabrechnung errechnet sich der Sinn des Lebens: Ohne ihn würde mensch sich fühlen, als vergeude er sein Leben. Wenn er die „Konsequenzen“ seiner Handlungen nicht als Rechtfertigung für sie ansehen würde, dann wäre das Leben unerträglich – was wäre wenn mensch ständig daran denken würde was er fühlt während er Waren verpackt, oder wenn er sich jedes Mal bei dem Kampf mit der streikenden Faxmaschine fragen würde ob er Spaß dabei hat? Gerade weil die Alltagserfahrungen im Leben so berechenbar und bedeutungslos sind, konzentrieren sich die Menschen vielmehr auf das kommende Wochenende, den nächsten Urlaub, die nächste Anschaffung, nur um nicht durchzudrehen. Und schließlich sind sie dazu gezwungen diese Denkweise auch auf andere Teile ihres Lebens auszuweiten: mensch beginnt damit mögliche Handlungen nach dem zu beurteilen, was für einEn dabei herausspringt, genau so wie sich dafür entschieden wird einen Job anzunehmen sobald die Bezahlung stimmt.

Deshalb hat für den modernen Menschen die Gegenwart fast alle Bedeutung verloren. Stattdessen wird das Leben damit verbracht ständig die Zukunft zu planen: Mensch studiert lieber für einen Abschluss als für die Freude am lernen; bei der Entscheidung einen Job anzunehmen überwiegt das Bedürfnis nach sozialem Status, Wohlstand und „Sicherheit“ vor dem Freude an ihm zu haben; mensch spart lieber Geld für große Anschaffungen und Urlaubsreisen, als dass er sich von der Lohnsklaverei freikauft um seine Ganztagsfreiheit zu genießen. Wenn er tiefe Zufriedenheit mit einem anderen Menschen erlebt, dann versucht er diesen Moment einzufrieren, um ihn zu einem permanenten Bestand zu machen (einem Vertrag), indem geheiratet wird. Sonntags geht’s in die Kirche in der er erzählt kriegt, dass gute Taten vollbracht werden müssen um ewiges Heil zu erfahren, anstatt es einfach aus Hilfsbereitschaft zu tun (wie NietzsChe sagt: Der gute Christ will immer noch gut bezahlt werden). Die „aristokratische Missachtung der Konsequenzen“, die Fähigkeit des Handelns wegen zu Handeln, ist weit von ihm entfernt.

Die moderne Gesellschaft konzentriert sich eher auf die Produktion und Verteilung von materiellen Waren, als auf das Glück und die Zufriedenheit ihrer Teilnehmer. Daher denkt der moderne Mensch über sein leben eher in Bezug auf das was er vorzuweisen hat nach, als dass er über das Leben selbst nachdenkt.

Es ist ein Klischee, Männer und Frauen aus der Mittelklasse und im mittleren Alter würden sich schwer tun, ihre Versicherungspolicen und Investment Programme zur Seite zu legen um den Moment auszukosten. Denn auch wir machen es oft nicht anders und vertauschen die Gegenwart mit der Zukunft und die Erfahrungen mit den Souvenirs. Wir behalten Erinnerungsstücke, Pokale, Kisten mit Andenken, alte Briefe, als ob das Leben für später gesammelt und geordnet werden könnte … für später? Wann? Das Leben findet im Hier und Jetzt statt, es durchfließt uns wie einen Fluss; und wie ein Fluss kann es nicht angehalten werden ohne dass es dabei seinen Zauber verlieren würde. Je mehr Zeit wir damit verwenden es „aufzubewahren“ desto weniger haben wir, um uns hineinzuschmeißen.

Die schlimmsten von uns sind tatsächlich die Radikalen und KünstlerInnen. Allzu oft wenden wir „RevolutionärInnen“ unsere Bemühungen dafür auf, um über eine Revolution zu reden und nachzudenken, die „irgendwann kommen wird“, anstatt uns darauf zu konzentrieren die Revolution in der Gegenwart zu machen. Wir sind so daran gewöhnt in Produktionsweisen zu denken, dass selbst wenn wir versuchen das Leben zu etwas sofort stattfindendem und zu etwas Aufregendem zu machen, wir dabei enden unsere Energie auf ein Ereignis in der Zukunft zu richten – eines das wir möglicherweise nicht einmal selbst erleben werden. Und wie die ManagerInnen in den Fabriken machen wir uns mehr Sorgen um die Produktivität (die Anzahl neuer rekrutierter GläubigerInnen, das Voranschreiten der „Sache“, usw.) als darum wie wir und unsere Mitmenschen gerade fühlen und leben.

KünstlerInnen leiden unter diesem Hang am meisten; denn ihre Begabung selbst hängt davon ab Produkte aus dem Rohstoff wirklichen Lebens zu machen. In der Art und Weise wie KünstlerInnen ihre Emotionen und Erlebnisse durch Ausdruck in ihre eigene Form bringen, ist etwas von der Gier nach Dominanz des Kapitalisten. Denn der Ausdruck von Gefühlen und Empfindungen, so einzigartig und unergründlich er auch sein mag, besteht im Endeffekt immer aus einer Vereinfachung. Für den/die KünstlerIn ist es nicht genug das Leben einfach so wie es ist zu erfahren und zu genießen. Es kommt dazu dass sie ihr Leben für ihre Karriere ausschlachten, für eine Reihe von Produkten außerhalb von ihnen, so dass sich letztendlich sogar das Leben nach ihrer Karriere ausrichtet. Es kann passieren dass sie sich nicht mehr vorstellen können bei Tagesanbruch auf einem Hausdach Liebe zu machen, ohne die perfekte Szene für den neuen Roman (Exkrement!) zu planen, in dem genau das vorkommt.

Sicher, die Exkretion hat eine gesunde und notwendige Funktion für die Seele wie auch für den Körper, und es gibt in unserem Leben einen Platz für Kunst als eine Art Gefühle in die Welt einfließen zu lassen während das Herz bis zum überlaufen gefüllt ist; aber wenn du darauf besteht es zu tun obwohl es unnötig ist, zwingst du schließlich dein Herz und den Rest deines Inneren nur dazu. Wir müssen das Leben und die Erlebnisse an die vorderste Stelle setzen, nur mit dieser Absicht müssen wir der Welt begegnen, so frisch und unschuldig als wären wir Kinder, ohne Absichten die weite Grenzenlosigkeit unserer Erfahrungen zu zerfressen, zu kategorisieren, zu organisieren oder zu vereinfachen. Sonst werden wir auf unserer Suche nach den Dingen die platt gedrückt und „bis in alle Zeit“ aufbewahrt werden können das Wesentlichste, Schönste und Unmittelbarste auf der Welt übersehen. Die Vorstellungskraft sollte zuerst und vor allem dazu genutzt werden unsere alltägliche Wirklichkeit umzugestalten, nicht um sie nur symbolisch darzustellen. Wie viele aufregende Romane können schon über die Art von Leben geschrieben werden, welche die meisten von uns zurzeit führen? Lasst uns unsere Kunst leben, anstatt bloß anzustreben Kunst aus unserem Leben zu schaffen.

Lasst uns damit aufhören „Geschichte zu machen“ – wir sind alle so besessen davon ausgezeichnet zu werden – und endlich damit anfangen zu leben. Das wäre eine wirkliche Revolution!

„Aber ich sage dir, Henri, jeder Moment, den du der Gegenwart stiehlst, ist ein Moment, der für immer verloren ist. Es gibt nur das Jetzt.“

Wenn wir jemals Glück finden werden, dann wird es im Lebensprozess sein, indem wir das tun was wir tatsächlich wollen und unsere Träume leben, nicht in den Produkten unseres Lebens. Wenn wir jetzt nicht innehalten und die Gegenwart genießen, wann werden wir es sonst?