Archiv für Juli 2012

Warum wir Recht haben und ihr unrecht

„Genau wie jeder verweichlichte Mittelklassen-Liberale. Wenn es hart auf hart kommt rennt er sofort nach Hause.“
„Diese Lifestyle-Anarchisten kümmern sich um nichts anderes als um sich selbst. Verstehen sie nicht, dass wenn alle so leben würden wie sie, es kein System gäbe an dem sie sich festsaugen könnten?“
„Wenn sie sich nicht an die Entscheidungen des Sprecher_innenrats halten haben sie hier nichts zu suchen. Ich fände es besser, wenn sie zuhause blieben und nichts täten als unseren Protest so durcheinander zu bringen!“
„Wie kannst du ____ ohne zu ____? Wenn dir ____ wirklich wichtig wäre würdest du ____! (wie ich)“
„Ich möchte kein Aktivist, Anarchist oder Teil von all dem sein, wenn das bedeutet ich muss …“


Warum wir nicht einfach miteinander auskommen können

Können wir miteinander auskommen? Sogar für die von uns, die es vorziehen würden Außenseiter_in zu sein, gibt es keine Frage die heute wichtiger wäre als diese. Ihre Beantwortung wird das Schicksal unserer Spezies und unseres Planeten bestimmen. Wir können diesem Dilemma nicht ausweichen. Jede Revolution, jede Neuverteilung von Wohlstand und Macht wird ohne eine fundamentale Änderung in unseren Beziehungen von kurzer Dauer sein. Gesellschaftsstruktur ist ein Ausdruck dieser Beziehungen, nicht ein Faktor der außerhalb dieser steht. Revolution ist dann kein einzelner Moment, sondern eine Art zu leben: Anarchie und Hierarchie koexistieren immer in unterschiedlichen Verhältnissen und die wichtige Frage ist einfach, welches Verhältnis du in deinem eigenen Leben pflegst.
Wir sind schlecht dazu geeignet, menschliche Beziehungen zu rekonstruieren wenn wir noch nicht einmal in dem Versuch miteinander auskommen – und nichts scheint stärker Meinungsverschiedenheiten und Spaltungen zu erzeugen, als diese Versuche. Oft scheint es so, dass die Leute, die am wenigsten davon wissen wie mensch mit anderen umgeht, die selbst ernannten Aktivist_innen sind, die sich vorgenommen haben, ihnen zu helfen. Aber diese Konflikte sind keine unvermeidliche Folge der menschlichen Natur, sondern eher ein Beispiel von Ursache und Wirkung – was geändert werden kann und muss. Dies hier soll ein Ansatz sein, um zu überlegen, worin die Herausforderungen liegen, die dieses Unternehmen mit sich bringt und warum wir bis heute so eine schwere Zeit hatten.

Die Mangelproduktion des Ichs

In einer Welt, in der freie kreative Handlungen schwer zu leben sind, fühlen wir uns alle verarmt, betrogen um die Erfahrungen und Gefühle von denen wir wissen, dass sie unsere sein sollten. Wir kompensieren das so gut wir können und oft dient diese Kompensation nur dazu, unser Elend zu bewahren. Wir suchen Status in Reichtum, Macht, Stärke, Schönheit, Prestige, irgendetwas das die Hiebe verschwendeter Tage zu mildern vermag. Wir kompensieren, auch wenn wir eine weitere Art von Status suchen: Gefühle von Überlegenheit – ein Status in unseren eigenen Köpfen.
Wir leben in einer Gesellschaft, die uns beibringt, dass es an allen wertvollen Hilfsmitteln zur freien Bewegung fehlt, so auch bei der Selbstbehauptung. Menschen im Fernsehen oder in Büchern werden als wichtiger, edler, attraktiver dargestellt als der Rest von uns. Wir wachsen in Haushalten auf, in denen unsere Eltern nicht genug Zeit für uns haben; wir werden in Schulen geschickt die ein Benotungssystem verwenden, welches nur einer Handvoll erlaubt ausgezeichnet zu werden und werden in einen Markt abgeladen der wenige von uns bereichert, während der Rest ausgebeutet oder fallengelassen wird. Wir verinnerlichen die Werte dieses Systems. Wir gewöhnen uns an, unseren Wert zu bestimmen indem wir uns vergleichen, damit wir feststellen können ob wir besser sind. Wir stürzen uns auf die Verachtung anderer, ihrer Pläne und Ideen, Gewohnheiten und Überzeugungen, um uns damit zu beruhigen, dass wir eigenen Wert besitzen. Wenn wir erkennen sollten, was alles positiv ist, denunzieren und kritisieren wir – nur um uns zu beruhigen! Die Unsichersten unter uns können nicht einmal mehr Gefallen an Filmen oder Musik finden, weil es ihnen so wichtig ist, einen ausgesuchten Geschmack zu haben. Sie verstehen nicht, dass, wenn sie es schaffen, keine Freude an etwas zu haben, keiner mehr verliert als sie selbst. Wenn du irgendetwas aus einem Film oder einem Lied oder einer Interaktion erhalten willst (so dass du keine Zeit damit verschwendet hast), musst du Verantwortung dafür übernehmen, Wege zu finden wie sie dir nutzen können oder wie du dich an ihnen erfreuen kannst.
Im fortgeschrittenen Stadium kann sich dieses überkritische Verlangen nach Status mit einer Zuschauermentalität verbinden: aus der Distanz stimmt der/die Kritiker_in für oder gegen die Bemühungen anderer, unfähig zu erkennen, dass Sachen wie Kunst, Aktivismus, Gemeinschaft davon abhängen was er_sie daraus macht – und dass sie_er überhaupt etwas machen muss um irgendetwas aus diesen Dingen ziehen zu können. Diese Zuschauer_innenmentalität verstärkt das Gefühl, dass alles was eine andere Person macht, uninteressant oder unintelligent ist – daher das Gefühl der Überlegenheit welches der_die Zuschauer_in so verzweifelt braucht. Du triffst selten eine wirklich betroffene/aktive Person die das Bedürfnis verspürt, ihre eigenen Handlungen besser darzustellen, als die Anderer. Aber in der Mangelproduktion des Zuschauers kann jeder Ausdruck von Selbstbehauptung, sogar der großzügigste und positivste, als ein Übergriff, ein Angriff1 interpretiert werden. Jede Leistung ist etwas, gegen das rebelliert wird, das angegriffen, verspottet wird – als ob wir uns nicht schon genug wertlos, missbraucht, gejagt fühlen würden!
Diejenigen von uns, die dieses Mangelsystem bekämpfen würden, haben sich oft noch weiteren Herausforderungen gegenüberzustellen. Viele von uns sind zu diesem Widerstand aus einem Konflikt und Kampf hervorgetreten, und dieses Gefühl des Kampfes macht sich immer noch in der Art wie wir an unsere Aktivitäten herangehen bemerkbar. Da wir missbraucht, vernachlässigt, belästigt wurden, unseresgleichen, Eltern, Lehrer, Chefs, Polizei bekämpfen mussten, sehen wir Selbstbehauptung als etwas an, dass man sich erkämpfen muss. Wir denken, dass radikal sein wie Krieg ist – je mehr Kriege wir kämpfen desto radikaler müssen wir folglich sein. Wir täuschen die Absicht vor, Frieden zu schaffen, aber die einzigen Werkzeuge die wir besitzen sind Waffen. Kein Wunder, dass das zu einem Kampf unter uns selbst führt.

„mit ein bisschen harter Arbeit kannst du es schaffen dich von allem entfremdet zu fühlen.“

Gerechtigkeit und Beurteilung

Mangeldenken und die zerstörerische Unsicherheit, die es fördert, haben bei der Herausbildung unserer Begriffe von Gerechtigkeit2 eine große Rolle gespielt. Ein Urteil zu fällen, kann die ultimative Kompensation eigener Schwächen sein. Es ist sehr einfach auf die Fehler, Unbeständigkeiten, usw. einer anderen Person selbstgefällig zu reagieren, schließlich haben wir alle welche. Je mehr wir uns auf die Schwächen anderer konzentrieren, desto weniger Gedanken machen wir uns über unsere eigenen. Hexenjäger, die glauben, sie hätten eine_n echte_n Verbrecher_in entdeckt (Rassisten, Lifestyle-Anarchisten, Klassenverräter, usw.), können sich damit beruhigen, dass sie den Krankheitserreger isoliert haben und sich deswegen keine Gedanken mehr zu machen brauchen (genau wie im Film) – und je deutlicher ihre Denunziation des Feindes, desto mehr Angst haben alle anderen davor, zuzugeben was sie mit ihm gemeinsam haben.
Noch einmal: Wir leben in einer gewalttätigen Welt. Irgendeine Person dafür zu beschuldigen, dass sie durch diese Gewalttätigkeit kolonisiert wird, ist so sinnvoll wie dem Meer vorzuwerfen, dass es verschmutzt wird. Die Frage sollte nicht sein, ob ein Individuum schuldig ist – wir alle sind es, zumindest durch Mittäter_innenschaft – sondern eher wie alle Individuen dazu befähigt werden, die Gewalttätigkeit und die Unwissenheit innerhalb ihrer selbst zu konfrontieren und umzuwandeln. Um darauf vertrauen zu können, dass eine Person an Verständigung mit dir interessiert ist, kann häufig nichts mehr helfen, als dieser anzubieten, ihr zu verzeihen; das macht es für diese Person einfacher ihre Abwehrhaltung aufzugeben und anzuerkennen was du zu sagen hast. Das soll nicht heißen, dass wir uns nicht, wann immer wir es müssen, mit allen notwendigen Mitteln verteidigen sollen – aber lasst uns dies aus praktischen Gründen tun, nicht aus Durst nach Rache und Überlegenheit.

Objektivität vs. Subjektivität

Objektives Denken auf welchem unsere mangelorientierte, autoritäre Zivilisation basiert, verlangt, dass es nur eine Wahrheit gibt. Entsprechend dieser Denkweise sollten jene, die menschliches Verhalten erklären oder den Kapitalismus stürzen wollen, verschiedene Vorschläge machen, wie dies am besten erreicht werden kann und sie so lange debattieren bis der „Richtige“ gewählt wird. So kommt es, dass in den Elfenbeintürmen, unaufhörlich Intellektuelle und Schreibtischrevolutionäre debattieren, nicht näher zur Übereinstimmung kommend, eine immer exklusivere Fachsprache entwickelnd, während der Rest von uns daran arbeitet, wirklich etwas geschehen zu lassen. Subjektives Denken geht davon aus, dass es nicht „die eine“ Realität gibt und schließt daraus, dass jede „objektive“ Realität einfach eine subjektive Realität sein muss, die von den Herrschenden als Wahrheit institutionalisiert wird. Subjektives Denken beachtet, dass Leute zu ihren bestimmten Überzeugungen und Verhaltensweisen, resultierend aus ihren einzelnen Lebenserfahrungen gekommen sind. Dies hat einen wichtigen Einfluss darauf, wie wir miteinander umgehen, besonders hinsichtlich unserer Bemühungen die Welt zu verändern. Unterschiedliche Leute werden unterschiedliche Überzeugungen, Taktiken, Ziele haben. Akzeptiere das. Sie denken nicht notwendigerweise deshalb anders, weil sie nicht so intelligent oder erfahren oder sensibel sind wie du es bist – sie können in allen diesen Punkten mit dir gleichgestellt sein, aber kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, welche auf unterschiedlichen Erkenntnissen aus ihrem eigenen Leben basieren. Respektiere das, während du gleichzeitig jene Perspektiven anbietest, welche auch immer du anbieten kannst. Mach dir bewusst, dass je weniger ihr gemeinsam habt, es umso besser für dich wäre zuzuhören anstatt zu reden. Wenn eine Person dir ihren Standpunkt zu einer Sache erzählt, musst du nicht sofort damit anfangen zu debattieren wer von euch Recht hat. Versucht stattdessen an Projekte zu denken die ihr zusammen unternehmen könntet und welche eure gemeinsamen Interessen fördern würden. Was für ideologische Streitfragen auch immer ausgearbeitet werden müssen, mensch kann sie in der Praxis ausarbeiten, wenn es überhaupt möglich ist – sie werden zweifellos nicht durch einen weiteren Wettkampf der Egos aufgelöst, der als theoretische Debatte verkleidet ist.3
Da jede Lebenserfahrung einzigartig ist, ist es offensichtlich, dass keine Person, allen Anderen Gesetze auferlegen kann. Dennoch kannst du deine eigenen Erfahrungen und Erklärungen anbieten, so dass andere damit tun, was sie tun werden. Wenn du ehrlich für dich selbst sprechen kannst, wirst du bemerken, dass du auch für andere gesprochen hast. Das könnte von denen, die glauben, dass es nur einen richtigen Weg gibt, als bevormundend empfunden werden; aber jene, die dich dafür angreifen, dass du deine eigene Perspektive oder Analyse anbietest, mit der Begründung, dass sie nicht auf sie zutrifft (oder nicht für alle Leute relevant ist, z.B. hungernde Mütter in Somalia, transgender community, usw.), arbeiten noch innerhalb des Mangelmodells.
Denk daran: Jeden Wert den du hast, jede Entscheidung die du triffst, du machst es für dich allein. Die Leute, die vom Mangeldenken beeinflusst sind, werden dich angreifen als wenn du für Alle entscheiden würdest – gerate nicht in die Falle ihrer Denkweise, indem du deine eigenen Methoden und Ideen als Universalitäten darstellst. Unterstreich einfach, dass du entsprechend deines eigenen Gewissens handelst und hoffst, dass du deine Einstellung in die von Anderen integrieren kannst – genau wie die Anderen es mit dir tun sollten.

Kapitalismus der Ideen

Jene, die noch daran festhalten, dass es eine solche Sache wie „objektive“ Wahrheit gibt, fühlen im Allgemeinen den Zwang, andere von ihrer Wahrheit zu überzeugen. Dies macht die selbsterhaltende Konsequenz der Machtkämpfe aus, welche auf dem Markt der Ideen besteht. Wie in jeder Wirtschaft die auf Reproduktion von Mangel basiert, wird dieser Markt durch Konkurrenz unter Kapitalist_innen gekennzeichnet, welche bestrebt sind, ihre Macht über Andere aufrecht zu erhalten und zu erhöhen.
In unserer Gesellschaft funktionieren Ideen wie Kapital4. Individuen, denen es gelingt, andere dazu zu bringen sich in ihre Ideen einzukaufen, erreichen ein unverhältnismäßiges Maß an Kontrolle über ihre Umgebung; große Konglomerate (die katholische Kirche, die kommunistische Partei) können, genau wie Unternehmen auf diese Weise dazu gelangen, große Teile der Welt zu beherrschen – in der Tat kann es ohne ideologisches Kapital keine verfestigte politische oder finanzielle Macht geben. Wenige „Startup-Unternehmen“ konkurrierender Ideen können in den Markt eintreten um solche Monopole anzufechten. Manchmal wirft jemand das herrschende Glaubensbekenntnis vom Thron, um das neue dominierende Paradigma einzuführen; aber wie in jedem kapitalistischen System neigt Macht dazu, aufwärts zum Gipfel einer Hierarchie zu fließen, von der aus die Herrscher, die dazu qualifiziert sind sie auszuüben, die Belange für alle anderen entscheiden. Und genau wie im finanziellen Kapitalismus ist es letztendlich nicht die herrschende Klasse, sondern die Konkurrenz selbst, welche die Kontrolle hat. In diesem Klima müssen alle die einen Wert oder eine Anschauung besitzen danach hetzen, sie an Andere zu verkaufen bevor sie aus dem Geschäft geworfen werden.
Es ist schwer, sich von hier aus vorzustellen, wie eine Welt, die frei von diesem Krieg der Ideologien ist, aussehen würde. Offensichtlich müsste diese Welt auch frei von ähnlichen Kriegen sein (um Geld, Macht, Selbstbehauptung), denn es ist albern, darauf zu beharren, dass alle so denken können wie sie wollen, während einige Pläne, den Kosmos zu entwerfen, durch Ausschluss oder Embargo bestraft werden. Diejenigen von uns, die für die Befreiung von der Macht der Götter und Herrscher kämpfen, würden davon profitieren, die Diktaturen der Ideologie – jeder Ideologie – zu bekämpfen, die ihre Macht immer begleiten und freigeben.5

Warum sich andere nicht an der Bewegung beteiligen wollen

Wenn wir uns die Fülle an Vertreter_innen der Öffentlichkeitsarbeit, Selbsthilfegurus und anderen Fanatikern und Verkäufer_innen, die darum konkurrieren sie umzurüsten, ansehen, ist das Zögern, das die Bevölkerung zeigt, wenn es darum geht sich irgendeiner Art von sozialer Bewegung anzuschließen, sogar ein gesunder Selbstverteidigungsmechanismus. Demnach liegt die größte Herausforderung für jene, die gemeinsam mit Anderen einen revolutionären Wandel vollziehen wollen darin, wie mensch es vermeidet, sie in diesem Prozess defensiv werden zu lassen.
Radikale Politik hinterlässt bei den Menschen im Westen heute ein defensives Gefühl – dies ist ein größeres Hindernis für eine soziale Umgestaltung als die Kontrolle von Unternehmen oder Unterdrückung durch Regierungen. Und zum großen Teil ist es der Haltung der Aktiven selbst zuzuschreiben: viele Aktive investieren in ihre Aktivist_innen-Identität mindestens genauso viel aus einer kompensatorischen Handlung, wie aus dem echten Wunsch, Dinge geschehen zu lassen – für sie dient Aktivismus der gleichen Funktion wie bei anderen Machismo, Mode, Popularität. Aktivist_innen, die immer noch den Zwängen von Unsicherheiten dienen, neigen dazu, Andere zu entfremden – es kann sogar sein, dass sie unbewusst Andere entfremden wollen, so dass sie allein als die rechtschaffende Avantgarde gelten. Wenn Leute die nicht die gleichen Unsicherheiten haben, diese aktiven Personen in Aktion sehen, nehmen sie an, dass Aktivismus nichts mit ihrem eigenen Leben und ihren eigenen Bedürfnissen zu tun hat.
Wann auch immer wir eine Idee für ein „revolutionäres“ Projekt haben, müssen wir uns fragen: Sind wir uns sicher über unsere Beweggründe? Werden unsere Wörter und unsere Taten mobilisieren und aktivieren, oder hemmen und abschrecken? Versuchen wir ein Schauspiel unserer Handlungsfreiheit/Anteilnahme/Bildung zu veranstalten, um unseren Status als Revolutionäre/Führer_innen/intellektuelle Theoretiker_innen zu etablieren, um unsere moralisch hohe Position zu behaupten, um bei dem kindischen Wettkampf zu gewinnen, wer am stärksten unterdrückt wird (als ob Leiden quantifizierbar wäre!), nach wie vor nach Macht und Rache in Gestalt von Befreiung strebend? Menschen merken es ob du dich über sie stellst oder eine Rolle spielst, genau wie sie es auch fühlen wann du aus einer Ehrlichkeit heraus oder aus Freude handelst. Es ist viel wahrscheinlicher, dass sie darauf reagieren, da Rollenspiel und Rivalität bereits genügend Raum in ihrem Leben einnimmt.
Es wäre besser den Kreuzzug aufzugeben „die Massen“ umzuprogrammieren – mit all den bevormundenden Folgerungen sie wären faul, blind, schwach, Opfer die Führung brauchen. Stattdessen sollten wir uns zuerst an jene wenden, die in ähnlichen Situationen sind/waren wie wir. Diesen Leuten, mit denen wir am meisten gemeinsam haben, können unsere Perspektiven am nützlichsten sein.6 Zum Zweiten können wir in anderen Gemeinschaften Leute finden, die bereits aktiv sind, die unsere Werte und Ziele teilen und mit ihnen zusammenarbeiten – dies ist der Möglichkeit weit vorzuziehen in andere Gemeinschaften einzutreten und zu versuchen, sie entsprechend der Lehren von Außenstehenden zu „organisieren“.7 Zum Dritten, können wir uns darum bemühen, andere vor dem Einfluss der Macht und der Ideologie zu verteidigen – und die Werkzeuge die wir in unseren eigenen Kämpfen entwickelt haben auf sie ausweiten, um sie außerhalb unserer Tagesordnung anzuwenden.8 Letztlich können wir gemeinsame Ursachen bei Leuten ausmachen die bereits „asoziale“ Dinge tun und fühlen: Diebstahl, Vandalismus und Graffiti, „Faulheit“, Aufsässigkeit, allgemeiner Nihilismus, Mitgefühl.
Dies ist die wahre Bedeutung einer radikalen Propaganda die Nachsicht mit der „Verherrlichung“ von Diebstahl, Ehebruch, usw. zeigt: nicht, dass klauen selbst revolutionär wäre, aber es stellt Verbindungswege zum Alltag und Widerstand der Individuen her, welche noch nicht aus einem artikulierten Wunsch nach Revolution handeln. Die radikale Bedeutung einer Aussage liegt in der Wirkung sie zu machen und nicht darin ob sie eine „objektive“ Wahrheit darstellt oder nicht. Aufgrund der privaten Sehnsüchte und Frustrationen welche die Menschen fühlen (ihr Hass auf Arbeit, die Freude an ihrer Ungehorsamkeit welche sie mit Jugendlichen und Anarchist_innen teilen, das instinktive Misstrauen mit dem sie allen totalitären Systemen begegnen), kann eher ein Widerstand aufgebaut werden, der bei den individuellen Motivationen und Ansichten derer weiter macht aus denen er sich zusammensetzt, als mit den Forderungen politischer Parteien und Dogmen. Dies ist die einzige Art des Widerstandes, die uns vor autoritärer Herrschaft und vor autoritärer Ideologie schützen kann.

Wenn es dazu kommt, dass Perspektiven „mangelhaft repräsentiert“ werden, denk daran, dass es nicht deine Aufgabe ist, sie zu „repräsentieren“ wie die Politiker uns „repräsentieren“. Versuch lieber, dein Bestes dabei zu geben, dich selbst zu repräsentieren und andere dazu zu ermutigen dasselbe zu tun, z.B. indem du denen zuhörst die bereits repräsentiert sind. Manche Leute werden deiner Perspektive möglicherweise ausweichen (als „Mittelklasse“, „reformistisch“, „extremistisch“, usw.), aber es gibt keine Perspektiven die illegitim wären – illegitim ist allein, sich so zu verhalten als ob eine Perspektive nicht legitim wäre. Oft wird von denen die selbst nicht unbedingt unterrepräsentiert sind im Namen der Unterrepräsentierten gesprochen (ein einfacher Trick!). Sei nicht eingeschüchtert – Du kannst dir sicher sein, dass wenn du etwas fühlst, eine andere Person es auch fühlt und wissen muss, dass sie nicht alleine ist.

Nicht Einheit, sondern Einklang

In jeder Widerstandsbewegung werden sich Konflikte entfalten, die über der Strategie stehen („gewalttätig“ gegen „gewaltfrei“ usw.), währenddessen werden verschiedene Individuen ihre eigene Analyse ausarbeiten und sie in der Praxis erproben. Diese Vielfalt anzufechten, anstatt einen Vorteil aus ihr zu ziehen, ist wie der Wunsch, dass alle die gleiche Lebensgeschichte und Perspektive haben. Teenager finden andere Sachen befreiend als Bibliothekarinnen im mittleren Alter – aber beide haben einen Anteil an der Befreiung und müssen Teil jedes erdenklichen Kampfes für sie sein. Die, die das Wilde bändigen und Regeln für das Irreguläre aufstellen möchten, leugnen nicht nur die Komplexität der Menschen, sondern auch die der Revolution die wir durchführen wollen.
Andere werden dir gegenüber immer unterschiedliche Einstellungen und Ziele haben. Die Herausforderung liegt nicht darin, ihnen deine eigene Strategie anzuerziehen (denn könnte es nicht sein, dass sie es besser wissen was wirklich gut für sie ist?), sondern eher Wege zu finden, wie voneinander abweichende Methoden in ein gegenseitig nützliches Ganzes integriert werden können. Ob du es gut findest oder nicht, wenn du glaubst, dass andere eine ineffektive oder kontraproduktive Taktik haben, ist es an dir die fehlenden Bestandteile zu finden und hinzuzufügen die sie wirkungsvoll machen können – ansonsten wurde die ganze Energie die sie für die Anstrengungen aufgebracht haben nicht nur vergeudet, sondern auch noch gegen sie und alle anderen gerichtet. Unter solchen Umständen ist es viel einfacher mit dem Finger auf sie zu zeigen und Schuldzuweisungen zu machen. Aber das führt zu nichts.
Lebensanschauungen, die klar und deutlich für die einen Leute sprechen, können andere entfremden – sogar und besonders jene die sich als Aktivist_innen bezeichnen (wenngleich die letzten Leute denen irgendein gegebener Ansatz erreichen oder gefallen muss Leute sind, die bereits radikalisiert sind). In diesen Fällen ist es wichtig, sich nicht zu sehr bedroht zu fühlen, da du es wahrscheinlich auch nicht wurdest – und sich darüber bewusst zu sein, dass wir mit der beträchtlichen Vielfalt an Leben auf diesem Planeten ein ähnlich vielfältiges Arsenal an Verbindungen nach Draußen brauchen. In anderen Fällen können Annäherungen, die sich zu widersprechen scheinen, eine vollkommene Symbiose bilden: wie in der Beziehung zwischen maskierten Randalierer_innen und den vornehmen, sich gewählt ausdrückenden Befürworter_innen eines sozialen Wandels. Kein Herrscher würde den jüngsten Widerstand beachten, ohne den vorausgegangenen der dahinter steht (stell dir Martin Luther Kings Gewaltlosigkeit vor, ohne die mit einbezogene Drohung der konfrontativen Haltung von Malcolm X). Ohne „anständige“ Unterstützung, können Aufrührer_innen leicht and den Rand gedrängt und vernichtet werden. In diesen Situationen sollten sich alle Beteiligten daran erinnern, dass andere ihre Taktiken sogar öffentlich ableugnen müssen, damit sie mit ihrem Teil effektiv fortfahren können;9 wenn dies geschieht, sollten dabei keine besonderen Gefühle bestehen.
Zweifellos kann es schwierig sein, neben Leuten zu arbeiten, deren Überzeugungen sich völlig von deinen unterscheiden – und du solltest nie mit Leuten arbeiten bei denen du befürchtest, dass sie dich verraten oder deine Arbeit sabotieren, um dadurch ihre eigenen Pläne durchzusetzen. Aber frag dich hier wieder: sind deine Positionen für dich wichtig als Positionen (Besitz, Statussymbole, Identitätsabzeichen) oder als Generalisierungen, die existieren, um dir dabei zu helfen, mehr befriedigende Lebensmomente zu erschaffen? Es ist gesunder Menschenverstand, die verschiedenen Taktiken von Menschen die ein gemeinsames Ziel teilen, zusammenzuschließen. Es ist noch schwieriger, aber genauso wichtig, den Zwang abzulegen, alle anderen von deinen Meinungen zu überzeugen und stattdessen daran zu arbeiten, Einklang zwischen den verschiedenen Individuen zu schaffen, die in vollkommen anderen Welten leben. Es mag nie vollkommenen Einklang geben, aber er ist ein nobleres Ziel, als jede durch Normierung erzwungene Einheit.

Arbeit in Kollektiven

So wie jede Band Musiker_innen braucht die unterschiedliche Instrumente spielen, werden gesunde Vereinigungen ihre Teilnehmer_innen nicht mit „Kompromissen“ einschränken, die sie dazu zwingen, sich auf Gemeinsamkeiten zu beschränken, sondern ihre Verschiedenheiten in etwas Größeres integrieren als die Summe ihrer Teile. In solchen Vereinigungen zu arbeiten und zu leben, in denen sich jede Person darüber bewusst ist, dass sie für das Funktionieren der Projekte und der Beziehungen verantwortlich ist, hilft den Beteiligten dabei, zu lernen sich als Teil des Netzes menschlicher Beziehungen zu sehen und nicht als Automat gegen die Welt. Unter diesen Umständen müssen die Wünsche von Anderen genauso ernst genommen werden wie die eigenen. Dies kann einem Individuum sogar ermöglichen, eine vollständigere Person zu sein, da seine Genoss_innen Teile von ihm selbst darstellen können, die es sonst nicht äußern würde. Das macht Sinn, da Alle letztendlich ein Erzeugnis derselben Welt sind. Wir sind alle miteinander verbunden – alle offenbar verschiedenen Aspekte derselben Wechselwirkung der Kräfte. Ohne diese Einsicht kann Zusammenarbeit und Gemeinschaft nur beiläufig und zufällig sein.
Schließlich wird es für das im Gemeinschaftlichen Leben erfahrene Individuum möglich, den gesamten Kosmos als ein gewaltiges, obgleich fehlerhaft funktionierendes Kollektiv anzusehen. Das Problem ist einfach, wie seine Funktion besser den Neigungen der Menschen entsprechen kann. Das heißt nicht, dass die Faschisten, Sexisten, usw. mit ihrer munteren Arbeit fortfahren können und „Teil unseres Kollektivs“ werden – sie wären die ersten die sich dem mit aller Hartnäckigkeit verweigern würden. Das Hauptargument des Faschismus und reaktionären Denkens ist immer die beiderseitige Ausschließung von Kooperation und Autonomie gewesen. Menschen müssten gesteuert werden und Befehlen gehorchen damit sie nicht faul werden und sich gegenseitig umbringen. Je besser wir demonstrieren können, dass das nicht der Wahrheit entspricht, desto weniger Anziehungskraft werden ihre Forderungen haben.

Möglicherweise ist das Wichtigste, was du in diesem Kampf tun kannst, für andere da zu sein, ihnen zu helfen an sich selbst zu glauben, echtes Mitgefühl anzubieten (nicht die Herablassung auf Nächstenliebe) wenn ein Bedarf vorhanden ist. Allerdings gibt es dafür keine Formel. Mitgefühl hat Formen, die am wenigsten vorhersehbar sind und kommt aus Quellen von denen es am wenigsten erwartet wurde. Oft bedarf es einer Person die etwas Ähnliches erlitten hat, um einer leidenden oder kämpfenden Person echte Hilfe anbieten zu können. Das ist ein weiterer Grund dafür, warum es gut ist, dass wir alle verschiedene Wege gewählt haben und Unterschiedliches erleiden mussten, sogar Umstände die uns scheinbar isolierten – deshalb gibt es in diesem Kampf auch einen Platz für verzogene, reiche Kids, obdachlose Drogensüchtige und Liebende die sich belogen und verraten haben: wer sonst könnte sich auf Menschen beziehen, die in solchen schwierigen Situationen stecken, wer sonst könnte ihnen Orientierungshilfe und Hoffnung bieten?
Wenn du erkennst wie dein eigenes Elend dich darauf vorbereitet hat anderen zu helfen, kann es Sinn machen, dies mit Erfahrungen zu tun, die scheinbar nicht zu rechtfertigen waren. Gleichzeitig kann es dir dabei helfen, den Wert von Menschen zu sehen, die dir vorher wertlos erschienen.
Häufig haben wir unsere Hände voll damit zu tun, uns mit unserem eigenen Schmerz zu beschäftigen. Wir sind mit zu viel Bitterkeit und Verwirrung erfüllt, um noch in der Lage dazu zu sein, Anderen etwas anzubieten – am allerwenigsten Mitgefühl. Das bedeutet, dass es umso entscheidender ist, nicht unsere Gelegenheiten zu verpassen, gut zu anderen zu sein – ob sie es verdient haben oder nicht, ob wir sie verstehen oder nicht, ob wir glauben dass es einen Unterschied macht oder nicht.


Krieg oder Revolution?

Wir Möchtegernrevolutionäre stellen unser Projekt sehr oft mit kriegerischen Bezeichnungen dar: „Bekämpft Rassismus“, „Zerschlagt Faschismus“, „Zerstört Kapitalismus“, „Eat the Rich“. Das befähigt uns dazu, uns selbst als edle Kämpfer_innen wahrzunehmen und, was noch wichtiger ist, festzustellen, dass wir Gegner haben, wodurch wir uns unsere Rechtschaffenheit bestätigen. Diese Bestätigung ist anscheinend wertvoller als der Erfolg unserer Anstrengungen den sie ersetzt und verhindert. Sie dauert mindestens so lange wie wir diesen Erfolg noch nicht gespürt haben. Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass unsere Feinde keine Menschen sind: unsere Feinde sind die Bedingungen, die uns Feinde machen.
Eine Welt völlig ohne Feinde ist unmöglich – sie ist zumeist nicht einmal wünschenswert – aber für die kapitalistische Gesellschaft ist Krieg ein ganz normales Geschäft: Exxon vs. Shell, U.S.A. vs. Irak, Kommunisten gegen Anarchisten, Geliebte gegen Geliebten und Eltern gegen ihr Kind. Selbst wenn wir jeden letzten Vergewaltiger, Politiker, Polizisten und Mitbewohner der nicht spült, töten könnten, die Gewalttätigkeit würde in der Welt als die Gehässigkeit und die Wut ihrer Überlebenden übrig bleiben (ohne zu erwähnen wie diese Morde ihre Spuren an uns hinterlassen würden). Revolution ist, was passiert wenn du Situationen schaffst, die die alten Konflikte – die ganze Trägheit des Unwillens, der Unsicherheit und der Feindschaft – unwichtig machen.
Natürlich ist es manchmal erforderlich, Krieg zu führen. Wir müssen gegen alle Anstrengungen ankämpfen, die uns miteinander in Kämpfe verwickeln und für einige von uns bedeutet das Gewaltanwendung. Aber wie der ehrwürdige Weise schon sagte, „wenn es dazu kommt, dass du allein gegen die Welt stehst, kannst du auf die Welt wetten.“ So Viele von uns entfremden sich vollkommen unnötig von Anderen. Dabei wird schließlich auf irgendeine Abstraktion eines Kameradschaftsgeistes gebaut („die Arbeiterklasse“, „der unmittelbar bevorstehende Aufstand“), bis einmal alle Genoss_innenen aus Fleisch und Blut verschwunden sind. Oder noch schlimmer, du folgerst, dass Mitarbeit einfach unmöglich ist – während die Geschichte zeigt, dass sie möglich wäre, nur nicht für dich, bis du bereit bist, geduldiger, rücksichtsvoller, bescheidener, versöhnlicher zu sein. Wenn du so großzügig sein kannst, andere nicht für ihre Zusammenhangslosigkeit, Selbstsüchtigkeit, schlechten Ideen, Fehler, oder sogar Gewalttätigkeit anzumachen, kannst du erkennen, was sie dir anzubieten haben. Wenn du eine Form von Gerechtigkeit in die Tat umsetzen kannst, welche Verantwortung dafür übernimmt, Sachen in Ordnung zu bringen, kannst du heilen anstatt hilflos Schuld und Ruhm auszuteilen. Wenn du geduldig mit Ungeduld sein kannst, wenn du Verachtung widerstehen kannst, wenn du es unterlassen kannst, selbstgefällig zu sein – selbst und vor allem bei selbstgefälligen Menschen – dann kannst du deinen Teil dafür tun, um uns alle aus der Kriegsgefangenschaft zu befreien.

Wenn du Sachen machst, die dir Spaß machen, hilft dir das dabei, es zu vermeiden, deine Frustrationen auf Andere abzuladen – genauso hilft dir die Zusammenarbeit mit Leuten die du magst, wann immer dir das möglich ist.10 Es ist nichts Edles oder Revolutionäres daran, dich „für die Sache“ zu opfern, besonders wenn das dazu führt,
dass du nicht richtig bei der Sache bist. Gleichzeitig ist es nicht immer möglich – und das sollte es auch nicht sein – sich mit Leuten zu umgeben, die, die Sachen wie du sehen. Sei dazu bereit deine Bequemlichkeit zu verlassen und bring dabei ein großzügiges Herz mit.
Dies ist all denen gewidmet die sich über die Jahre so verhalten haben, die es für selbstverständlich gehalten haben, dass Menschen mit anderen Hintergründen und anderen Taktiken wirklich den Wunsch hatten, neben ihnen zu leben und mit ihnen zusammenzuarbeiten: den Frauen und Männern der Arbeiter_innenklasse, die sich die Zeit nahmen, bürgerlichen Aktivist_innen zu erklären wie sie sie entfremdeten, selbst wenn letztere zuerst nicht zuhören konnten; den Frauen die nicht nur verlangten, dass Männer das Vorhandensein und die Wirkung ihres Sexismus erkennen, sondern sich auch zu den Ängsten und den Sorgen die sie fühlten bekannt haben; den Überlebenden des Missbrauchs, die weitermachten um beiden, den Opfern und den Tätern Rat zu geben. Ohne sie hätten wir uns sicherlich schon in Stücke gerissen. Es ist beängstigend, deine Bewachung aufzugeben, es ist hart, deinen Stolz zu schlucken (selbst wenn das Festhalten an ihm den Verrat an dir selbst bedeuten würde), aber das ist der einzige Weg, Anderen dabei zu helfen dasselbe zu tun. Bis sie es können leben wir in dieser unfruchtbaren Welt der Schilder und Schwerter, jeder von uns eine Insel für sich selbst.
Sei nicht eingeschüchtert von der kolossalen Herausforderung „die Welt zu retten“. Es gibt so viele Welten wie es Menschen gibt. Rette deine, die von dem Leben gebildet wird, das du mit den Leuten um dich herum teilst. Wo eine Blume blüht werden Millionen mehr folgen.

Ich möchte ein Mensch sein, bei dem keine_r das Gefühl hat sich über irgendeinen Teil von sich selbst schämen zu müssen. Ich möchte in der Lage sein, die Tätigkeiten von anderen wahrzunehmen ohne mich durch sie bedroht zu fühlen oder defensiv zu werden (selbst wenn sie sich mir gegenüber defensiv verhalten), so dass ich andere im Zusammenhang ihres Lebens sehe und nicht meines eigenen. Ich möchte wissen wie ich es beschränken kann, mich grenzenlos auf auf andere zu verlassen, ohne dabei zu riskieren meinen Respekt vor ihnen zu verlieren. Ich möchte in der Lage sein, Gegnern, die eigentlich Verbündete sein sollten, in die Augen zu schauen und ihnen zu sagen: „Ob es euch gefällt oder nicht, das hier bin ich. Das ist was die Welt aus mir gemacht hat und wir müssen alle mit den Konsequenzen auskommen. Ich kann nicht anders fühlen, glauben oder handeln als ich es tue, es sei denn die vergangene Zeit meines Lebens, die dies aus mir geformt hat, ändert sich. Ich möchte nicht mit euch um die moralisch höhere Position oder sonst was konkurrieren. Es sei denn ihr seid darauf vorbereitet, alle umzubringen die nicht euren Standards entsprechen. Andernfalls werdet ihr mich, um diese Sackgasse der Feindseligkeit auf unbestimmte Zeit aushalten zu können, auf der Grundlage meiner eigenen Betrachtungen annehmen müssen, so wie ich auch hoffe, es mit euch zu tun. Ihr seid genauso wie ich dafür verantwortlich, etwas Positives zwischen uns entstehen zu lassen – oder für die Welt des Streits in der wir anderenfalls leben werden.

Aus dem ‚Massenmörder züchten Blumen‘ #6 Zine


Das englische original

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  1. Der andere Ausdruck desselben Mangels ist Heldenanbetung, in der mensch alle Qualitäten die mensch bewundernswert findet auf andere projiziert. Dies ist selbstverständlich ähnlich ungesund und führt unvermeidlich zu der gleichen Feindseligkeit und Verachtung. Die einzige Sache die du mit Individuen oder Gruppen tun kannst, die du auf einen Sockel gestellt hast, ist, sie herunter zu stoßen. [zurück]
  2. Der Sinn für Gerechtigkeit selbstgefälliger Aktivisten wird von dem gleichen Ursprung hergeleitet wie von dem Gerechtigkeitssystem, das die heutige Gefängnisindustrie nährt: ein Christentum, das das individuelle Verantwortungsgefühl betonte und über die Ursache und Wirkung der sozialen Verhältnisse stellte, um damit die ultimative Mangelwarenreligion zu erfinden, zu präsentieren und zu verkaufen. In einem Zustand in dem Beziehungen einen wirklichen wechselseitigen Vorteil bedeuten, würden Drohungen wie Einsperrung und Höllenfeuer unnötig sein – die Drohung der Entfernung von der Gemeinschaft würde erschreckend genug sein. [zurück]
  3. Wenn du gegen Andere Partei ergreifst, kann es dir passieren, dass du vergisst, dass Positionen flüssig sind; eine Person zu zwingen, sich auf eine Seite zu schlagen, kann dazu führen, dass sie sich darin verfängt, sich ausschließlich mit dieser Seite zu identifizieren. [zurück]
  4. Ideen werden – wie andere Formen des Kapitals – als Privateigentum betrachtet und durch das Gesetz geschützt, z.B. bei Fälschungen und Urheberrechtsverletzungen. [zurück]
  5. Diese Aussage beruht paradoxerweise selbst auf ideologischen Annahmen – aber vielleicht ist dieser Selbstwiderspruch der erste, notwendige Schritt in der Abrüstung der Ideologie. [zurück]
  6. “Ich wuchs als Mittelklasse-Rebellin auf, als Punk. Als ich es aufgab, zu versuchen, Reformen durch die etablierten Programme zu drücken und damit anfing mich mit anderen aus meinem Umfeld zu organisieren, realisierte ich, was für eine gewaltige, unerschlossene Kraft dieses Leben zu bieten hat.“ [zurück]
  7. “Wir waren davon hingerissen, zu entdecken, dass gerade eine Nachbarschaft weiter in der lateinamerikanischen Gemeinschaft eine Gruppe war, die ähnliche Sachen macht, lediglich andere Wörter für die gleichen Ideen verwendend. Als wir bei einer ihrer Treffen waren, wurde uns bewusst wie viel mehr wir tun konnten.“ [zurück]
  8. “Als die Einheimischen begannen, sich dem Straßenkampf anzuschließen, zeigten wir ihnen wie aus Hemden Vermummungsmützen gemacht werden, damit die Polizei sie nicht identifizieren kann und wie Limettensaft dazu benutzt werden kann, um sich vor dem Tränengas zu schützen. Das ist anarchistische Führung in Aktion oder was wir anstatt dessen haben: Das Teilen unserer Erfahrungen mit anderen – Fähigkeiten verteilen, anstatt sie zu konzentrieren.“ [zurück]
  9. Wie der schwarz maskierte, Firmenfenster einschmeißende Protestler den gesetzestreuen liberalen Protestierenden, der versuchte ihn zurückzuhalten, anschrie: „Es ist nicht dein Job mich davon abzuhalten deine Sache schlecht aussehen zu lassen, sondern dich von meinen Tätigkeiten so weit zu distanzieren wie du es musst um den Respekt der Person zu erlangen die du zu erreichen versuchst! Es ist mein Job hier etwas geschehen zu lassen, so dass sie dir verdammt noch mal überhaupt zuhören müssen!“ [zurück]
  10. Organisierung die auf Konsens basiert kann manchmal unnötige Konflikte und Störungen verursachen. Autonome Organisierung— eine freie Verbindung wann immer sie anders nicht funktioniert—kann dir die Freiheit geben, die du brauchst um mit den Leuten um dich herum gut arbeiten zu können ohne dich über sie ärgern zu müssen. Revolution kann dass erlernen kooperativer Lebens- und Handlungsweisen mit sich bringen. Das bedeutet nicht, dass alle Freunde miteinander werden müssen. [zurück]