Das Manifest der Anti-Liebe

Die Übersetzer_innen von unserem letzten Post hatten einige berechtigte Bauchschmerzen beim veröffentlichen des Artikels – und haben daher auch ihre Kritik formuliert, die wir hier dokumentieren.

Ausserdem sei kurz darauf hingewiesen, dass mensch die Reshape nun auch in dem empfehlenswertem Projekt Zinelibrary.Info finden kann.

Um diesen Artikel Nimm Teil am Widerstand – Verliebe Dich! von CrimethInc. gab es allerhand Diskussionen unter uns ÜbersetzerInnen. Kurzum: Wir wollten ihn nicht einfach so abgedruckt sehen, sondern noch unseren eigenen Senf dazu geben. Und hier ist er. Mit dem schön pathetischen Namen:

Das Manifest der Anti-Liebe

1. DIE Liebe gibt es nicht. Liebe war und ist schon immer kulturell geprägt. Die Liebe, wie sie vor 2000 Jahren existiert hat, war nicht dieselbe, wie wir sie heute kennen. In der Geschichte der Menschheit gab es verschiedene Vorstellungen und Konzepte von Liebe, die von einer rein funktionalen Zweckliebe über die platonische Liebe bis zur romantischen Liebe von heute reicht. Dazwischen gab es sicherlich auch viele verschiedene Ideen und Konzepte von Liebe, die völlig abweichend zu den vorherrschenden Vorstellungen waren. Von DER Liebe zu sprechen, wie es CrimethInc. tut, ist deshalb absurd.

2. DIE Liebe ist eine Ideologie. Die Vorstellung, daß Liebe romantisch ist – wie sie CrimethInc. vertritt – existiert seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und ist ein Produkt der durch die Aufklärung und die Entstehung der Bourgeoisie und des Kapitalismus gesellschaftlichen Umwälzungen. Diese Umwandlungsprozesse erzeugten neue Produktions- und Reproduktionssphären und damit auch neue Rollenanforderungen innerhalb der Produktionsgemeinschaft „Familie“. Das bipolare Geschlechtermodell, die Vorstellung von DEM „Mann“ und DER „Frau“ als gegensätzliche Pole, die sich gegeneinander anziehen, setzt sich in dieser Zeit durch. Die konstruierte Anziehung wird durch die romantische Liebe naturalisiert und letztenendes als Ideologie in die Gefühlswelt der Menschen übernommen. Die romantische Liebe kann nicht ohne diese Ideologie gedacht werden. Sie findet nicht im herrschaftsfreien Raum statt, sondern ist Trägerin herrschaftsförmiger Ideologie.

3. DIE Liebe ist weder subversiv, noch konterrevolutionär. Wenn CrimethInc. behaupten, man könne sich in die Musik verlieben, dann behaupten wir, daß sich die Menschen auch in den Staat verlieben können, in das Geld und in die Ausbeutung. DIE Liebe ist kein sakraler Gegenstand der Revolution, der Herrschaftsverhältnisse aufdeckt. Sie ist vielmehr selbst Gegenstand eben dieser Herrschaftsverhältnisse und weder unschuldig, noch frei.

4. DIE romantische Liebe bedeutet Abschottung. Wenn CrimethInc. davon sprechen, daß die Liebenden sich gemeinsam aus ihrer Welt katapultieren und den Alltag um sie herum vergessen, ist das gleichzeitig illusionär und reaktionär. Illusionär deshalb, weil wir nicht außerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse existieren können. Sozioökonomische und soziokulturelle Strukturen haben sich eben auch in uns selbst eingeschrieben. Reaktionär deshalb, weil die Liebenden nicht die Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, ihrem Alltag und ihren Mitmenschen suchen, sondern sich viel lieber in eine Nische des Systems verkriechen und es sich dort gemütlich einrichten, bis letztlich alles um sie herum – inklusive ihre Lebensgrundlage – kollabiert ist.

5. Die romantische Liebe ist Teil des Spektakels. Was gibt es tolleres als nach getaner Arbeit in die Arme der/des Liebenden zu sinken und alles zu vergessen, um am nächsten Tag wieder perfektEr LohnsklavIn sein zu können? Die romantische Liebe ist die Regenerationsmaschine der Ware „Arbeit“. Sie hält das Schweine-System perfekt am Laufen.

Gerade wenn CrimethInc. mit ihrem Artikel den Begriff der Liebe umdeuten wollten, kommen sie nicht daran vorbei den Begriff DER romantischen Liebe radikal zu analysieren und zu dekonstruieren. Tun sie das nicht, wird sich ihr Konzept von Liebe perfekt ins Spektakel einordnen lassen. Laßt uns also endlich anfangen, die Ideologie des Begriffs DER romantischen Liebe niederzureissen. Und genau das können wir nur tun, wenn wir von der Vorstellung DER Liebe ablassen, nach neuen und verschiedenartigen Formen von Liebe suchen und endlich eine radikale Trennung der Begriffe Romantik und Liebe durchführen. Schluß mit DER romantischen Liebe! Es lebe die Anti-Liebe!

Arsen 13

P.S.: Im großen und ganzen trägt die ganze HerausgeberInnen-Gruppe diesen Artikel. Im Detail bestehen aber noch auseinandergehende Ansichten.


1 Antwort auf „Das Manifest der Anti-Liebe“


  1. 1 Sanji 30. November 2010 um 20:11 Uhr

    Hey,

    das ist echt eine schön zusammengefasste Kritik an DER Liebe und der ROMANTISCHEN Liebe! Danke dafür ;)

    Ihr sprecht von Trennung zwischen Romantik und Liebe. Finde ich sehr interessant und plausibel. Gibt es dazu Texte?

    Ein wenig Kritik soll nicht fehlen:
    Das Ende „Es lebe die Anti-Liebe!“ wirkt sehr pathetisch.
    DIE Liebe soll es nicht geben, DIE Anti-Liebe wird dann aber glorifiziert?

    MaG

    Sanji

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