Nachwort zur Interface

So, nun wollen wir euch auch noch das Nachwort zur damaligen Interface präsentieren.
In den nächsten Tagen folgt erwähnter ‚Liebes-Artikel‘

Ein paar Worte zum Schluß…

Es hat jetzt über ein Jahr gedauert, bis das „Interface“ in dieser Form erscheinen konnte. In dieser Zeit ist verdammt viel Arbeit und Energie in dieses Projekt geflossen. Gerade gegen Ende für meinen Geschmack manchmal viel zu viel. Die Frage nach dem Sinn und Zweck dieser Zeitung hat sich mir währenddessen immer wieder gestellt. Teilweise war es sogar soweit, daß ich die ganze Sache fast schon geschmissen hätte. Und trotzdem haltet ihr das Heft jetzt in den Händen. Thematisch finde ich die Artikel des CrimethInc. Kollektivs immer noch sehr interessant, obwohl ich selbst auch noch genug Haare in der Suppe finde. Meine Reaktion auf den Liebes-Artikel stellt dabei nur einen Teil meiner Kritik an CrimethInc. dar. Das grundlegende Problem an den Texten des amerikanischen Kollektivs sehe ich vielmehr darin, daß sie die Leute einerseits ermutigen ihren Lüsten und Begierden hinterherzujagen, aber eben auf der anderen Seite nicht erwähnen, daß diese Lüste und Begierden nicht im herrschaftsfreien Raum existieren. Das, was uns Lust macht und was wir begehren gilt es auseinanderzunehmen und auf seine Herrschaftsförmigkeit und Entfremdung abzuklopfen. Ich möchte den deutschen Mob niemals dazu ermutigen, unreflektiert seine Lüste und Begierden auszuleben. Genau das fand in Rostock-Lichtenhagen vor fast 10 Jahren statt. Für mich ist es deshalb notwendig vorher zu klären, auf welchen Ebenen und in welchen Formen Unterdrückung und Herrschaft stattfinden und ausgeübt werden und anschließend danach zu fragen, welche Lüste und Begierden wir abseits dieser formulieren können. Ohne eine Analyse davon, wie die heterosexuelle Norm unseren Alltag und unsere Kultur durchzieht, kann beispielsweise keine Artikulation eines möglicherweise entfremdeten sexuellen Begehrens stattfinden. Und deshalb sei hier, an dieser Stelle, auch aufgerufen sich genau mit dem zu beschäftigen, das uns die entfremdeten Lüste und Begierden in unsere Hirne und Herzen einpflanzt. Die Suche nach dem Ausweg aus der Gesellschaft des Spektakels kann nur über ihre Analyse beginnen. Das klingt jetzt komplizierter als es in Wirklichkeit ist. Denn die Ansatzpunkte für eine grundlegende Kritik an den herrschenden Verhältnissen erleben wir tagtäglich. Unser Alltag ist voll davon: Der Zwang des Geldverdienens um zu Überleben. Der Zwang „rational“ zu handeln. Der Zwang „verwertbar“ zu sein. Der Zwang „normal“ zu sein. Der Zwang zu konsumieren. Usw. Aber gleichzeitig gibt es immer auch Hoffnung. Denn die Menschen wehren sich auch gegen diese Zwänge. Im Kleinen wie im Großen. Die Sekretärin, die heimlich ein paar Bögen Briefmarken mitgehen läßt. Der Arbeiter in der Fabrik, der während seiner Arbeitszeit eine halbe Stunde auf dem Klo Zeitung ließt. Die Akkordarbeiterin, die das Fließband sabotiert. Der Sozialhilfeempfänger, der sich die Luxuswaren aus dem Kaufhaus einfach nimmt ohne dafür zu bezahlen. Der schwarze Block, der durch die Straßen einer Stadt zieht und die Symbole der Macht in Schutt und Asche legt. All das ist ein Ausdruck davon, daß die Menschen an ihren Ketten rütteln. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber in jedem Fall ist es ein Zeichen dafür, daß sie sich mit ihrem öden und zwangsbehafteten Dasein nicht so einfach abfinden wollen. Und genau aus diesem Grund denke ich, daß das „Interface“ immer noch wichtig ist. Jede klassische emanzipatorische Zeitschrift beschäftigt sich in der Regel mit abstrakten Machtverhältnissen, aber eben kaum mit ihrer Verortung im Alltag. Genau hier setzen aber die Texte von CrimethInc. an und genau hier drin sehen wir die Relevanz der Veröffentlichung dieser deutschsprachigen Übersetzung. Wir hoffen, die Texte haben bei euch in welcher Form auch immer angeeckt, euch provoziert, inspiriert oder euch einfach nur mal einen Blick über den eigenen Tellerrand zugelassen. Denn genau dazu sind sie da.
- Arsen 13