Vorwort zur Interface

Wir veröffentlichen hier das Vorwort zu der alten Interface-Zeitung.
Viele Texte aus der Interface finden sich in der Reshape wieder, alle werden hier nach und nach auf dem Blog veröffentlicht.

Vieles aus diesem Vorwort spricht uns aus dem Herzen.

Aber lest selbst:

Interface – Ein paar Worte zu Beginn

Wir haben diese deutsche Übersetzung des „Harbinger“ herausgebracht, weil wir denken, daß die Texte des amerikanischen CrimethInc. Kollektivs einige Dinge anstoßen können, die in der radikalen Linken, in Punk Hardcore Kreisen und auch in anderen politischen Subkulturen oft ausgeblendet werden oder schlichtweg in den Hintergrund treten. Wir haben alle unsere tollen Ideale, unsere szeneeigenen Verhaltensweisen- und kodices, können auf der näxten Antifa-Demo vielleicht eine gemeinsame Schlagkraft entwickeln, können an Brennpunkten politisch eingreifen, werfen vielleicht mal die Glasfront einer Bank ein, leben streng vegan oder ketten uns an Schienengleisen gegen den Castortransport fest. Aber die Frage nach unserem Alltag wird nur selten gestellt. Wie widersprüchlich sind wir, wenn wir der Standardisierung des Lebens einerseits mit Job, Schule und/oder Uni auf den Leim gehen, andererseits unser „Gewissen“ jedoch mit der nächsten politischen Aktion, Demo oder bloßem Lifestyle-Ism beruhigen? CrimethInc stellen die existentielle Frage nach dem, was wir tatsächlich wollen. Natürlich ist diese Frage nicht leicht zu beantworten und wir können mit Sicherheit sagen, daß wir – als deutsche ÜbersetzerInnen – es leider immer noch nicht klar haben, was WIR tatsächlich wollen und was uns gesagt wird, was wir zu haben wollen. Die Frage der Authentizität kann bei vielen in postmodernen Zeiten wahrscheinlich nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen, aber in Wirklichkeit ist das doch der Motor dafür, warum wir uns eine neue Welt erkämpfen wollen. Natürlich kann man auch einfach nur dagegen sein, aber das frißt einEn langsam auf und führt letztenendes – außer zu einem reinen Ego-Push mit häufigem Umkehrschub – zu nichts. Es geht hier nicht darum irgendwelche universalistischen Utopien zu formulieren. Das haben vorher schon viele (zu viele?) gemacht und sind daran gescheitert. Nein! Es geht darum, in sich selbst hineinzuhorchen, sich diese existenziellen Fragen immer und immer wieder zu stellen und dadurch das Feuer in den Hirnen und Herzen weiter lodern zu lassen. Angesichts dessen, daß wir uns nicht ohne weiteres aus einer lebenslangen Sozialisation und existenten Gewaltverhältnissen in diesem System mit seinen vielen -Ismen heraushebeln können, sehen wir dieses In-Sich-Hineinhören und die immer wiederkehrende Fragestellung nach dem, was man tatsächlich will, als einen Prozeß an, als eine stetige und ständige Umwälzung unseres eigenen Lebens. Anstatt auf die gesamtgesellschaftlich umwälzende Revolution bis zum Sankt Nimmerleinstag zu warten, setzen CrimethInc am Hier und Jetzt an, sehen den Menschen nicht nur als revolutionäres Subjekt, sondern als Ort der Revolution selbst. Sich selbst ermächtigen ist der Schlüsselgedanke von CrimethInc und im Bezug darauf, daß sich das System auch in uns selbst, in unsere Verhaltensweisen und Ansichten einschreibt ein außerordentlich wichtiger und notwendiger Gedanke. Natürlich haben wir auch einige Kritik an den Texten. Und natürlich dürfen, sollen und müssen diese Texte kritisch hinterfragt werden und nicht als feststehendes Diktat angesehen werden. Aber es geht hier – wie gesagt – auch nicht darum irgendwelche klaren und richtigen Weisheiten zu vermitteln, sondern genau einen Punkt (wieder) ans Tageslicht zu zerren, den wir in unserem emanzipatorischen Bewußtsein oft viel lieber ins hinterste Hirnstübchen verstaut hätten: Unser alltägliches Leben.

- Arsen 13

In diesem Sinne: „Don‘t just read about it!“