Archiv für August 2010

Nachwort zur Interface

So, nun wollen wir euch auch noch das Nachwort zur damaligen Interface präsentieren.
In den nächsten Tagen folgt erwähnter ‚Liebes-Artikel‘

Ein paar Worte zum Schluß…

Es hat jetzt über ein Jahr gedauert, bis das „Interface“ in dieser Form erscheinen konnte. In dieser Zeit ist verdammt viel Arbeit und Energie in dieses Projekt geflossen. Gerade gegen Ende für meinen Geschmack manchmal viel zu viel. Die Frage nach dem Sinn und Zweck dieser Zeitung hat sich mir währenddessen immer wieder gestellt. Teilweise war es sogar soweit, daß ich die ganze Sache fast schon geschmissen hätte. Und trotzdem haltet ihr das Heft jetzt in den Händen. Thematisch finde ich die Artikel des CrimethInc. Kollektivs immer noch sehr interessant, obwohl ich selbst auch noch genug Haare in der Suppe finde. Meine Reaktion auf den Liebes-Artikel stellt dabei nur einen Teil meiner Kritik an CrimethInc. dar. Das grundlegende Problem an den Texten des amerikanischen Kollektivs sehe ich vielmehr darin, daß sie die Leute einerseits ermutigen ihren Lüsten und Begierden hinterherzujagen, aber eben auf der anderen Seite nicht erwähnen, daß diese Lüste und Begierden nicht im herrschaftsfreien Raum existieren. Das, was uns Lust macht und was wir begehren gilt es auseinanderzunehmen und auf seine Herrschaftsförmigkeit und Entfremdung abzuklopfen. Ich möchte den deutschen Mob niemals dazu ermutigen, unreflektiert seine Lüste und Begierden auszuleben. Genau das fand in Rostock-Lichtenhagen vor fast 10 Jahren statt. Für mich ist es deshalb notwendig vorher zu klären, auf welchen Ebenen und in welchen Formen Unterdrückung und Herrschaft stattfinden und ausgeübt werden und anschließend danach zu fragen, welche Lüste und Begierden wir abseits dieser formulieren können. Ohne eine Analyse davon, wie die heterosexuelle Norm unseren Alltag und unsere Kultur durchzieht, kann beispielsweise keine Artikulation eines möglicherweise entfremdeten sexuellen Begehrens stattfinden. Und deshalb sei hier, an dieser Stelle, auch aufgerufen sich genau mit dem zu beschäftigen, das uns die entfremdeten Lüste und Begierden in unsere Hirne und Herzen einpflanzt. Die Suche nach dem Ausweg aus der Gesellschaft des Spektakels kann nur über ihre Analyse beginnen. Das klingt jetzt komplizierter als es in Wirklichkeit ist. Denn die Ansatzpunkte für eine grundlegende Kritik an den herrschenden Verhältnissen erleben wir tagtäglich. Unser Alltag ist voll davon: Der Zwang des Geldverdienens um zu Überleben. Der Zwang „rational“ zu handeln. Der Zwang „verwertbar“ zu sein. Der Zwang „normal“ zu sein. Der Zwang zu konsumieren. Usw. Aber gleichzeitig gibt es immer auch Hoffnung. Denn die Menschen wehren sich auch gegen diese Zwänge. Im Kleinen wie im Großen. Die Sekretärin, die heimlich ein paar Bögen Briefmarken mitgehen läßt. Der Arbeiter in der Fabrik, der während seiner Arbeitszeit eine halbe Stunde auf dem Klo Zeitung ließt. Die Akkordarbeiterin, die das Fließband sabotiert. Der Sozialhilfeempfänger, der sich die Luxuswaren aus dem Kaufhaus einfach nimmt ohne dafür zu bezahlen. Der schwarze Block, der durch die Straßen einer Stadt zieht und die Symbole der Macht in Schutt und Asche legt. All das ist ein Ausdruck davon, daß die Menschen an ihren Ketten rütteln. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber in jedem Fall ist es ein Zeichen dafür, daß sie sich mit ihrem öden und zwangsbehafteten Dasein nicht so einfach abfinden wollen. Und genau aus diesem Grund denke ich, daß das „Interface“ immer noch wichtig ist. Jede klassische emanzipatorische Zeitschrift beschäftigt sich in der Regel mit abstrakten Machtverhältnissen, aber eben kaum mit ihrer Verortung im Alltag. Genau hier setzen aber die Texte von CrimethInc. an und genau hier drin sehen wir die Relevanz der Veröffentlichung dieser deutschsprachigen Übersetzung. Wir hoffen, die Texte haben bei euch in welcher Form auch immer angeeckt, euch provoziert, inspiriert oder euch einfach nur mal einen Blick über den eigenen Tellerrand zugelassen. Denn genau dazu sind sie da.
- Arsen 13

Vorwort zur Interface

Wir veröffentlichen hier das Vorwort zu der alten Interface-Zeitung.
Viele Texte aus der Interface finden sich in der Reshape wieder, alle werden hier nach und nach auf dem Blog veröffentlicht.

Vieles aus diesem Vorwort spricht uns aus dem Herzen.

Aber lest selbst:

Interface – Ein paar Worte zu Beginn

Wir haben diese deutsche Übersetzung des „Harbinger“ herausgebracht, weil wir denken, daß die Texte des amerikanischen CrimethInc. Kollektivs einige Dinge anstoßen können, die in der radikalen Linken, in Punk Hardcore Kreisen und auch in anderen politischen Subkulturen oft ausgeblendet werden oder schlichtweg in den Hintergrund treten. Wir haben alle unsere tollen Ideale, unsere szeneeigenen Verhaltensweisen- und kodices, können auf der näxten Antifa-Demo vielleicht eine gemeinsame Schlagkraft entwickeln, können an Brennpunkten politisch eingreifen, werfen vielleicht mal die Glasfront einer Bank ein, leben streng vegan oder ketten uns an Schienengleisen gegen den Castortransport fest. Aber die Frage nach unserem Alltag wird nur selten gestellt. Wie widersprüchlich sind wir, wenn wir der Standardisierung des Lebens einerseits mit Job, Schule und/oder Uni auf den Leim gehen, andererseits unser „Gewissen“ jedoch mit der nächsten politischen Aktion, Demo oder bloßem Lifestyle-Ism beruhigen? CrimethInc stellen die existentielle Frage nach dem, was wir tatsächlich wollen. Natürlich ist diese Frage nicht leicht zu beantworten und wir können mit Sicherheit sagen, daß wir – als deutsche ÜbersetzerInnen – es leider immer noch nicht klar haben, was WIR tatsächlich wollen und was uns gesagt wird, was wir zu haben wollen. Die Frage der Authentizität kann bei vielen in postmodernen Zeiten wahrscheinlich nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen, aber in Wirklichkeit ist das doch der Motor dafür, warum wir uns eine neue Welt erkämpfen wollen. Natürlich kann man auch einfach nur dagegen sein, aber das frißt einEn langsam auf und führt letztenendes – außer zu einem reinen Ego-Push mit häufigem Umkehrschub – zu nichts. Es geht hier nicht darum irgendwelche universalistischen Utopien zu formulieren. Das haben vorher schon viele (zu viele?) gemacht und sind daran gescheitert. Nein! Es geht darum, in sich selbst hineinzuhorchen, sich diese existenziellen Fragen immer und immer wieder zu stellen und dadurch das Feuer in den Hirnen und Herzen weiter lodern zu lassen. Angesichts dessen, daß wir uns nicht ohne weiteres aus einer lebenslangen Sozialisation und existenten Gewaltverhältnissen in diesem System mit seinen vielen -Ismen heraushebeln können, sehen wir dieses In-Sich-Hineinhören und die immer wiederkehrende Fragestellung nach dem, was man tatsächlich will, als einen Prozeß an, als eine stetige und ständige Umwälzung unseres eigenen Lebens. Anstatt auf die gesamtgesellschaftlich umwälzende Revolution bis zum Sankt Nimmerleinstag zu warten, setzen CrimethInc am Hier und Jetzt an, sehen den Menschen nicht nur als revolutionäres Subjekt, sondern als Ort der Revolution selbst. Sich selbst ermächtigen ist der Schlüsselgedanke von CrimethInc und im Bezug darauf, daß sich das System auch in uns selbst, in unsere Verhaltensweisen und Ansichten einschreibt ein außerordentlich wichtiger und notwendiger Gedanke. Natürlich haben wir auch einige Kritik an den Texten. Und natürlich dürfen, sollen und müssen diese Texte kritisch hinterfragt werden und nicht als feststehendes Diktat angesehen werden. Aber es geht hier – wie gesagt – auch nicht darum irgendwelche klaren und richtigen Weisheiten zu vermitteln, sondern genau einen Punkt (wieder) ans Tageslicht zu zerren, den wir in unserem emanzipatorischen Bewußtsein oft viel lieber ins hinterste Hirnstübchen verstaut hätten: Unser alltägliches Leben.

- Arsen 13

In diesem Sinne: „Don‘t just read about it!“