Archiv für Juli 2010

Ihr seid eine Zielgruppe

Die Jugend ist eine Zeit, in der man die Ansichten und Traditionen älterer Generationen überdenken sollte, in der man sich von denen, die davor da waren, absetzen und sich eine eigene Identität schaffen sollte. Aber in unserer Gesellschaft ist „Jugendrebellion“ zu einem Ritual geworden: Von jeder Generation wird erwartet, dass sie für ein paar Jahre gegen soziale Zwänge rebelliert bevor sie „erwachsen“ wird und der „Realität“ ins Auge blickt. Das schwächt jede Kraft für tatsächliche Veränderung, die die neue Perspektive der Jugend haben kann. Denn jetzt ist Rebellion nur was für Kinder und keinE JugendlichEr wagt es seinen Widerstand als ErwachsenEr beizubehalten, aus Angst davor als kindisch angesehen zu werden. Diesen Umstand nutzen gewisse Firmen, die vom „jugendlichen Konsummarkt“ abhängig sind. Wohin geht dein Geld, wenn du dir diese CD kaufst, diese Lederjacke, dieses Haarfärbemittel, diesen Wandschmuck und all die anderen Accessoires, die dich als rebellischEn JugendlichEn kennzeichnen? Genau an die Konzerne, die das System darstellen, gegen das du dich auflehnst. Sie machen damit Geld, indem sie dir Symbole der Rebellion verkaufen, die eigentlich das ganze System am laufen halten. Du füllst ihre Geldbeutel und deiner bleibt leer. Sie halten dich machtlos, indem du immer wieder versuchst in die Formen hineinzupassen, die sie dir anbieten.

(Übersetzt von Arsen 13)

Utopia

Selbst von hier kann ich die skeptischen Gedanken in deinem Hirn rotieren hören: „Ist das nicht utopisch?“

Natürlich ist es das. Weißt Du was die größte Angst aller ist? Dass die Träume, die wir haben, all die verrückten Visionen, Begierden, romantischen Sehnsüchte und utopischen Ideen irgendwann einmal tatsächlich wahr werden könnten und die Welt unsere Wünsche erfüllen kann. Die Menschen verbringen ihr Leben damit, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um diese Möglichkeit weit weg von sich zu halten. Sie bekämpfen sich gegenseitig mit ihren Unsicherheiten, sabotieren ihre eigenen Anstrengungen aus dem Alltag auszubrechen und bemitleiden sich selbst dafür in den sauren Apfel beißen zu müssen, noch bevor es die erste Hürde zur Veränderung zu überwinden gäbe. Schließlich ist kein Gedanke schwerer zu ertragen als der, dass alles was wir uns wünschen Wirklichkeit werden könnte. Wenn das stimmt, stehen wirklich viele Dinge in unserem Leben auf dem Spiel. Dinge, die wir tatsächlich gewinnen oder eben auch verlieren können. Nichts ist tragischer für uns als zu versagen, wenn ein Erfolg tatsächlich möglich gewesen wäre. Deshalb tun wir alles in unserer Macht stehende um zu verhindern, es wenigstens zu versuchen… es überhaupt jemals zu versuchen.

Selbst wenn nur die kleinste Chance besteht, dass unsere Wünsche umgesetzt werden könnten, ist es selbstverständlich das einzig sinnvolle diese Chance zu nutzen und damit das Risiko einzugehen enttäuscht zu werden. Aber Verzweiflung und Nihilismus scheinen uns angenehmer als die Befriedigung es wenigstens gewagt zu haben – wir projizieren unsere Hoffnungslosigkeit auf unser Schicksal als eine Entschuldigung es nicht einmal versucht zu haben. So stecken wir erstarrt im Leben, unsere Resignation fest umklammernd, wie Leichen in ihren Särgen. Aber selbst die Resignation wird uns nicht helfen. Und so erschaffen wir uns auf der Flucht vor der wirklichen Tragik der Welt eine falsche, die auch noch unnötiger Weise tragisch ist.

Vielleicht wird diese Welt niemals das genaue Abbild unserer Lüste und Begierden sein – schließlich werden Menschen immer noch sterben, perfekte Beziehungen zusammenbrechen, Abenteuer zu Katastrophen werden und wunderschöne Momente in Vergessenheit geraten. Aber was ich am allerschlimmsten finde, ist, dass wir vor diesen unvermeidbaren Wahrheiten direkt in die Arme noch schrecklicherer Dinge fliehen. Vielleicht stimmt es, dass jeder einzelne Mensch in seinem eigenen Universum verloren ist, das ihm/ihr grundsätzlich gleichgültig gegenüber steht, für immer gefangen in einer entsetzlichen Einsamkeit. Aber es stimmt einfach nicht, dass einige Leute hungern müssen, während andere im Gegenzug Nahrung zerstören und fruchtbares Ackerland verdorren lassen. Es darf nicht sein, dass Menschen ihr Leben mit arbeiten verschwenden, nur um überleben zu können. Es darf einfach nicht wahr sein, dass wir es nie wagen, einander zu erzählen, was wir uns tatsächlich wünschen, dass wir uns nie austauschen und auch nicht gemeinsam unsere Talente und Fertigkeiten nutzen, um unser Leben erträglicher und vor allem schöner zu gestalten. Das ist die unnötige Tragik, die ich vorher meinte… Eine pathetische und sinnlose Tragik. Es ist im Grunde nicht einmal utopisch zu fordern, dass wir genau dieser Farce ein Ende bereiten.

Wenn wir uns selbst davon überzeugen könnten und wir wirklich fühlen könnten, dass die Möglichkeit für uns existiert, unbesiegbar zu sein und all das in der Welt zu erreichen, was auch immer wir wollen… dann wäre es selbstverständlich, dass wir solchen absurden Gedanken eine klare Absage erteilen. Um was ich dich hier bitte ist einzig und allein, deinen Blick nicht auf das Unmögliche zu richten, sondern den Mut zu haben, der erschreckenden Möglichkeit ins Gesicht zu blicken, dass unser Leben wirklich in unseren Händen liegt und dementsprechend zu handeln: Sich also nicht mit dem eigenen beschissenen Schicksal und unserer indoktrinierten „Menschlichkeit“ zufrieden zugeben und stattdessen sich zu wehren und das von uns abzuschütteln, was wir abschütteln können. Nichts könnte tragischer sein, und lächerlicher, als ein Leben lang in Reichweite des Paradieses zu leben ohne jemals die Hand danach ausgestreckt zu haben.

(Übersetzt von Laaska)

Macht es Sinn etwas zu tun, wenn niemand zusieht?

Wir alle möchten gerne berühmt sein, in den Medien gesehen und auf Zelluloid gebannt werden, weil wir mittlerweile dem, was wir sehen mehr vertrauen, als dem, was wir tatsächlich erleben. Abbilder der Realität erscheinen uns wirklicher als unsere eigenen Erfahrungen und unsere eigene Realität. Um zu wissen, dass wir tatsächlich existieren, dass wir eine Bedeutung haben, müssen wir Geister unserer selbst sehen, die auf Photos, auf Videofilmen und in Fernsehshows gezeigt werden. Wenn du z.B. in den Urlaub fährst, was siehst du dann? Hunderte von TouristInnen mit Videokameras an ihre Gesichter gepresst, so als würden sie versuchen Alles aus der wirklichen Welt in die zweidimensionale Welt der Bilder auf zusaugen und ihre „Freizeit“ dafür zu nutzen, die Welt durch eine kleine Linse zu betrachten. Sicher! Alles, was man mit seinen fünf Sinnen erleben könnte in aufgenommene Informationen zu wandeln und sie später aus der Ferne zu beobachten, erschafft die Illusion, dass wir Kontrolle über unser Leben hätten: Wir können immer wieder zurück spulen und alles noch einmal ablaufen lassen, immer und immer wieder, solange bis uns alles nur noch lächerlich erscheint. Aber was für ein Leben ist das?
(Übersetzt von Arsen 13)