Archiv für Mai 2010

Gender Plakat

Für jedes Mädchen, das es Leid ist, sich schwach geben zu müssen, wenn es sich stark fühlt, gibt es einen Jungen, der es Leid ist, stark sein zu müssen, wenn er sich verletzlich fühlt.

Für jeden Jungen, der ständig unter dem Druck steht, alles wissen zu müssen, gibt es ein Mädchen, das es Leid ist, dass keinEr in ihre Intelligenz vertraut.

Für jedes Mädchen, das es Leid ist als übersensibel abgestempelt zu werden, gibt es einen Jungen, der Angst hat zärtlich zu sein, zu weinen.

Für jeden Jungen, der sich mit anderen messen muss, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen, gibt es ein Mädchen, das als unweiblich gilt, wenn es sich behauptet.

Für jedes Mädchen, das ihre Puppenküche aus den Fenster schmeißt, gibt es einen Jungen, der sich wünscht, eine zu finden.

Für jeden Jungen, der sich dagegen sträubt, seine Wünsche von der Werbung bestimmen zu lassen, gibt es ein Mädchen, dessen Selbstwertgefühl durch die Werbeindustrie angegriffen wird.

Für jedes Mädchen, das einen Schritt zu ihrer Befreiung wagt, gibt es einen Jungen, der es auf dem Weg zur Freiheit ein bisschen einfacher hat.

Wie definierst du Geschlecht?
Wie viele Geschlechter gibt es?
Wie würde die Welt ohne soziale Geschlechter aussehen?
Auf welche Weise fühlst du dich durch dein zugewiesenes Geschlecht begrenzt oder eingeschränkt?
Ist dein zugewiesenes Geschlecht das mit dem du dich am besten fühlst?
Welche Vorteile hast Du (oder hast Du nicht) auf Grund deines zugeordneten Geschlechtes?
Fühlst Du dich wegen deinem Geschlecht gezwungen auf bestimmt Art zu handeln?
Was passiert wenn du nicht auf diese Art handelst?
Wie verlernen wir Gender / Geschlecht?

Wir suchen nach dem Leben in seinem Abbild

Verführt von den Bildern der Realität… Als ich als kleines Kind Magazine durchblätterte dachte ich immer, dass es irgendwo eine magische Welt gibt in der alles nicht nur perfekt aussieht, sondern auch tatsächlich perfekt ist. Ich konnte die Abbilder dieser Welt auf den Seiten dieser Magazine entdecken, die etwas verrauchte Luft in den schummrig beleuchteten Zimmern, die Dramatik spüren, in denen die jungen Models in ihren Designer-Klamotten umherwandelten. Ich dachte, das wäre der Ort an dem mensch das Aufregende und Abenteuerliche finden kann, in der Welt in der jedes Zimmer makellos eingerichtet und die Garderobe jedes Models umwerfend und raffiniert ausgewählt und abgestimmt ist. Ich beschloss selbst ein solches abenteuerliches Leben führen zu wollen und begab mich auf die Suche nach diesen Räumen und Models. Und obwohl ich seitdem erkannt habe, dass die Romantik und das Abenteuer selten Hand in Hand gehen mit den Abbildern die uns davon präsentiert werden, ertappe ich mich selbst noch oft genug dabei zu denken, dass alles perfekt wäre, wenn ich nur in dieser abgeschlossenen bilderhaften Welt leben würde. Nach was auch immer wir in unserem Leben suchen – wir alle neigen dazu unseren Wünschen nachzugehen, indem wir Abbildern davon hinterherjagen, Symbolen der Dinge, die wir begehren. Wir kaufen uns Lederjacken, wenn wir nach Gefahr und Abenteuer Ausschau halten. Wir kaufen uns schnelle Autos, nicht aus dem Grund, um schnell fahren zu können, sondern um uns (wieder) jung und dynamisch zu fühlen. Wenn wir die Weltrevolution wollen, dann kaufen wir uns politische Broschüren und Aufnäher. Irgendwie nehmen wir an, dass, wenn wir nur das passende Accessoir haben, unser perfektes Leben schon irgendwie kommen wird. Und wenn wir unser Leben gestalten, dann tun wir es oft nach einem “Image”, einem Muster, das auf uns zugeschnitten ist: Hippie, Geschäftsmann, Hausfrau, Punk, usw. Warum beschäftigen wir uns so mit diesen “Images” anstatt mit der eigentlichen Wirklichkeit, unserem eigenen Leben und unseren Gefühlen? Ein Grund warum “Images” und Abbilder so eine Bedeutung in dieser Gesellschaft erlangt haben, liegt darin, weil sie leicht zu verkaufen sind. Werbung und Marketing, die nur dafür da sind Produkten einen symbolischen Wert einzuhauchen, haben unsere Kultur umgestaltet. Konzerne haben eine Propaganda verbreitet, die uns an die magischen Kräfte ihrer Waren glauben läßt: Das Deo verschafft dir Popularität, Softdrinks strahlen Jugendlichkeit und Energie aus, Jeans bieten Sex Appeal. Mit unserer Arbeit tauschen wir Zeit, Energie und Kreativität gegen die Möglichkeit, diese Symbole zu kaufen – und wir kaufen sie weiterhin, weil nicht einmal alle Zigaretten auf der ganzen Welt uns wirkliche “Freiheit” bieten können und unseren Drang danach sättigen können. Statt unsere Bedürfnisse zu befriedigen schaffen diese Produkte weitere. Um all diesen neuen Bedürfnissen nachzukommen, verkaufen wir letztenendes einen Teil unseres Lebens. Wir machen Rückschritte, weil wir keinen anderen Weg kennen und hoffen darauf, dass das neue Produkt (Bücher, Punk Platten, das Wohnmobil, usw.) genau das ist, was alles in Ordnung bringen wird. Es ist einfach uns dazu zu bringen, diesen Abbildern nachzujagen, weil es so viel angenehmer und leichter ist, die Deko um uns herum zu wechseln, anstatt unser Leben umzukrempeln. Wie problemlos und v.a. risikoloser wäre es, wenn man nur das perfekte Leben durch die richtige Zusammenstellung der entsprechenden Accessoires bekommen könnte! Mensch bräuchte sich nicht einmal daran zu beteiligen! Das Image wird zur Verkörperung unserer Wünsche und wir nutzen all unsere Zeit und Energie dafür, die Details für dieses Image richtig zusammenzustellen anstatt unseren tatsächlichen Wünschen direkt nachzugehen. Letztlich ist es auch einfacher sich mit einem vorgefertigtem Abbild zu identifizieren als mit dem, was man dem Leben eigentlich abverlangen will. Aber wenn du wirklich ein abenteuerliches Leben führen willst, dann wird dir die schwarze Bundeswehrhose keine Befriedigung geben. Und wenn du nach wirklicher Romantik suchst, wird das Abendessen und der Kinobesuch mit dem populärsten Mädchen/Jungen deiner Schule nicht genug sein. So fasziniert, wie wir von Images sind, so stark drehen sich unsere Werte um eine Welt, die wir nie tatsächlich erfahren können. Es gibt keinen Weg auf die Seiten der Hochglanzmagazine, keinen Weg der idealtypische Punk zu werden oder der perfekte Geschäftsführer. Wir sind eben in der tatsächlichen Welt “gefangen” und zwar für immer. Und immer noch suchen wir das Leben in seinen Abbildern, in Trends, in Spektakeln jeder Art, einfach in allem, was wir sammeln und uns ansehen können ohne es selbst zu erleben.

Vom Spielfeldrand zusehend… Das seltsamste am Spektakel ist, wie es uns als Zuschauer passiv macht. Genau wie das Image richtet es unsere Aufmerksamkeit, unsere Werte und letztenendes unser Leben auf etwas Außerhalb von uns selbst. Es beschäftigt uns mit etwas, ohne dass wir tatsächlich etwas dabei tun. Es lässt uns an etwas teilhaben, ohne uns Kontrolle darüber zu geben. Es gibt tausend verschiedene Beispiele dafür: Fernsehsendungen, Action-Filme, Hochglanzmagazine, die die neuesten Gerüchte aus dem Leben der Reichen und Schönen aufdecken, die Sportschau, die repräsentative “Demokratie”, die katholische Kirche,… Das Spektakel isoliert die Menschen, die es in seinen Bann zieht voneinander. Viele von uns wissen mehr über die fiktiven Charaktere einer Fernsehserie als über das Leben und die Vorlieben unserer Nachbarn – selbst wenn wir mit ihnen sprechen geht es meistens nur über das Fernsehen, die neuesten Nachrichten und das Wetter. Auf diese Weise entfernen wir uns durch die Erfahrungen und Informationen, die wir gemeinsam als Zuschauer und Zuhörer der Massenmedien teilen immer weiter voneinander weg. Mensch kann das gleiche Phänomen bei großen Fußballspielen sehen: Alle die auf den Zuschauerrängen das Spiel beobachten sind “Niemande”, egal wer sie eigentlich tatsächlich sind. Mögen sie auch nebeneinander sitzen, ihre ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich nur auf das Spiel. Wenn sie miteinander sprechen sollten, dann geht es nie über sie selbst, sondern immer nur über das Spiel, das vor ihren Augen stattfindet. Und obwohl Fußballfans nicht an den Ereignissen im Spiel teilnehmen können sehen sie ihm zu. Sie lassen sich soweit beeinflussen, dass sie ihre volle Aufmerksamkeit auf die Ereignisse auf dem Spielfeld legen und mit dem Ausgang des Spiels ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche assoziieren. Anstatt ihre Aufmerksamkeit auf die Dinge zu richten, die eine tatsächliche Bedeutung für ihre Wünsche haben, passen sie ihre Bedürfnisse den Dingen an, denen sie Beachtung schenken. Ihre Sprache vermischt sogar die Leistungen der Mannschaft, der sie sich zugehörig fühlen, mit ihren eigenen Handlungen: “Wir haben ein Tor geschossen!” und “Wir haben gewonnen!” rufen die Fans von ihren Sitzen und Sesseln. Das steht im genauen Gegensatz dazu, wie die Menschen über die Dinge sprechen, die in ihrer Stadt oder ihrer Umgebung vor sich gehen. “Sie bauen eine neue Straße”, sagen wir über die neuen Veränderungen in unserer Nachbarschaft. “Was werden sie sich als nächstes ausdenken?”, sagen wir über die neuesten Errungenschaften in der Wissenschaft. Unsere Sprache spiegelt genau unsere Zuschauerrolle gegenüber unserer eigenen Gesellschaft wieder. Aber es gibt nicht “Sie”, die mysteriösen Anderen. Wir haben die Welt so geschaffen, wie sie ist. Wir, die Menschheit selbst. Keine kleine Gruppe von WissenschaftlerInnen, StadtplanerInnen und reichen BürokratInnen hätte all die Arbeiten, Erfindungen und ihre Organisation vollbringen können, die wir gebraucht haben um diesen Planeten zu gestalten. Es hat und wird immer uns alle gemeinsam brauchen, um das zu schaffen. Wir sind es, die das jeden Tag vollbringen. Und dennoch scheinen die meisten von uns zu denken, mehr Kontrolle über ein Fußballspiel zu haben als über unsere Städte, unsere Jobs und unser Leben. Wir würden mehr Erfolg in unserem Streben nach Glück erlangen, wenn wir endlich versuchen würden damit anzufangen, an diesem Leben teilzunehmen. Anstatt irgendwelchen vorgefertigten Bildern zu entsprechen, können wir aufregende und erkenntnisreiche Erfahrungen erleben. Denn letztenendes entsteht Glück nicht durch das, was mensch besitzt oder wie mensch zu sein scheint, sondern durch das, was maensch selbst tut und wie mensch sich fühlt. Anstatt die Rolle des/der Zuschauer_in zu akzeptieren, muss sich jede_r einzelne von uns Gedanken darüber machen, wie er/sie einen aktiven und bedeutenden Anteil an der Schaffung der Welten um uns herum bekommen kann. Eines Tages werden wir vielleicht eine neue Gesellschaft gestalten können, in der wir uns alle an den Entscheidungen beteiligen können, die festlegen, wie wir unser Leben führen können. Dann werden wir wirklich die Möglichkeit haben unser Schicksal zu bestimmen, anstatt uns hilflos und ausgeschlossen zu fühlen.

NietzsChe Guevara, lizenziert von Warner Brothers Entertainment

(Übersetzt von Arsen 13)

Die Karte der Verzweiflung

In der modernen Welt wird automatisch Kontrolle über uns ausgeübt durch die Räume in denen wir leben und in denen wir uns bewegen. Wir durchwandern bestimmte Rituale in unserem Leben: Arbeit, “Freizeit”, Konsum, Unterwerfung. Denn die Welt in der wir leben ist allein dafür konzipiert worden. Wir alle wissen, dass Einkaufszentren zum Shoppen da sind, Büros um darin zu arbeiten, Wohnzimmer um darin Fernsehen zu glotzen und Schulen um unsern Lehrer_innen zu gehorchen. Alle Räume in denen wir uns bewegen haben vorher festgelegte Bedeutungen. Und alles was mensch braucht um uns in diesen Räumen vorwärts zu treiben, ist, dass wir auf den üblichen Wegen gehalten werden. Es ist schwer irgendeine andere Tätigkeit im Walmart ausfindig zu machen als Waren zu betrachten und einzukaufen. Und weil wir es so gewohnt sind ist es für uns auch schwierig uns vorzustellen, dort etwas anderes zu tun. Ganz zu schweigen davon, dass alles andere als Einkaufen dort illegal ist, wenn wir genauer darüber nachdenken.
Es gibt immer weniger freie und unentwickelte Räume auf der Welt, in denen wir unserem Körper und unseren Gedanken freien Lauf lassen können. Fast jeder Raum, den mensch betritt, gehört einer Person oder einer Gruppe und ist bereits mit einer bestehenden Bedeutung und einer festgelegten Benutzung belegt: Privatgrundstücke, Einkaufspassagen, Stadtautobahnen, Klassenzimmer, Naturschutzgebiete,… Und unsere festgelegten Bahnen durch die Welt bringen uns nur selten in die Nähe der wenigen freien Räume, die noch übrig sind.
Diese Räume, in denen die Gedanken und die Lüste vollkommen frei sein können werden durch kontrollierte Räume wie Disneyland ersetzt. Orte, an denen uns unsere Wünsche vorgefertigt werden und an uns zurück verkauft werden zu Lasten unseres Geldbeutels und unserer Gefühle. Der Welt unseren eigenen Sinn zu geben und unsere eigenen Arten zu schaffen in ihr zu handeln und zu spielen sind fundamentale Teile des menschlichen Daseins. Heute darf es uns nicht wundern, dass sich so viele von uns verzweifelt und unerfüllt fühlen, wenn wir nie die Möglichkeit haben, uns in solchen Räumen zu bewegen, die genau das von uns fordern. Gerade weil die Welt nur noch so wenige dieser Orte zu bieten hat und der Ablauf unseres Alltags uns nie dorthin bringt, ist es nicht verwunderlich, dass wir gezwungen sind auf solche Orte wie Disneyland zurückzugreifen, um überhaupt den Anschein von Spiel und Abenteuer zu bekommen. So sind die wahren Abenteuer, nach denen sich unser Herz sehnt durch imitierte Abenteuer und die Spannung des Erschaffens durch die Spannung des Betrachtens ersetzt.
Unsere Zeit ist genau wie unser Raum vollkommen besetzt und reguliert. Die Unterteilung unseres Raums ist tatsächlich nur ein Ausdruck davon, was bereits mit unserer Zeit geschehen ist. Die gesamte Welt verläuft und lebt nach einer standardisierten Zeitrechnung, erdacht um unsere Bewegungen auf dem gesamten Planeten genau aufeinander abzustimmen. Innerhalb dieses größeren Systems wird unser aller Leben reglementiert: Durch unseren Arbeitsablauf und unseren Stundenplan, durch die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel und die Öffnungszeiten der Geschäfte. Diese Durchplanung unseres Lebens, die bereits in der Kindheit beginnt, übt eine subtile aber gewaltige Kontrolle über uns alle aus. Dabei vergessen wir immer mehr, dass eigentlich die Zeit in unserem Leben alleine uns gehört und wir entscheiden können, wie wir sie verbringen wollen. Stattdessen denken wir in Einheiten von Arbeitstagen, Mittagspausen und Wochenenden. Ein tatsächlich spontanes Leben ist für die meisten von uns undenkbar. Und die so genannte “Freizeit” ist gewöhnlich nur Zeit, die durch etwas anderes als Arbeiten verplant ist. Wie oft kommst du dazu dir den Sonnenaufgang anzusehen? Für wie viele Nachmittagsspaziergänge an einem warmen Frühlingstag hast du tatsächlich Zeit? Wenn du die Möglichkeit hättest diese Woche eine noch nie erlebte Reise zu machen, könntest du sie dann tatsächlich unternehmen?
Diese einschränkenden Räume und Zeitplanungen beschränken das große Potential unseres Lebens drastisch. Sie isolieren uns auch voneinander. An unserem Arbeitsplatz verbringen wir die meiste Zeit mit einer bestimmten Arbeit mit einer bestimmten Gruppe von Menschen in einem bestimmten Raum (oder zumindest in einer bestimmten Umgebung). Solche beschränkenden, sich ständig wiederholende Erfahrungen bieten uns nur eine sehr eingeschränkte Sichtweise auf die Welt und halten uns davon ab andere Menschen mit einem völlig anderen Background kennenzulernen. Unser Zuhause isoliert uns noch weiter voneinander. Heutzutage sperren wir uns in unseren eigenen vier Wänden gegenseitig aus, zum Teil aus Angst vor denen, die der Kapitalismus beschissener als uns behandelt hat, zum Teil weil wir der Paranoia-Propaganda derjenigen Konzerne auf den Leim gegangen sind, die Sicherheitssysteme verkaufen. Die heutigen Vororte sind Friedhöfe einer Gemeinschaft, die die Menschen getrennt in Kisten packt … wie die Supermarktprodukte, luftdicht verschlossen, um “frisch” zu bleiben. Wegen der dicken Mauern zwischen uns und unseren Nachbarn und weil unsere Familien und FreundInnen auf viele verschiedene Städte und Länder verstreut sind, ist es schwer überhaupt irgendeine Gemeinschaft aufzubauen, geschweige denn in einer Gemeinschaft zu leben, in denen die Menschen untereinander von der Kreativität jedes und jeder Einzelnen profitieren können. Sowohl unser Zuhause als auch unsere Arbeit kettet uns an einen bestimmten Ort, an eine bestimmte Stelle und hält uns davon ab anders durch die weite Welt zu reisen außer auf hastigen Urlaubstrips.
Auch unsere Reisen sind eingeschränkt und einschränkend. Unsere modernen Transportmöglichkeiten – Autos, Busse, U-Bahnen, Züge, Flugzeuge – halten uns alle auf einer vorgegebenen Bahn und wir sehen die Außenwelt durch eine Scheibe an uns vorbei rauschen, als wäre sie eine ziemlich langweilige Fernsehshow. Jede_r von uns lebt in einer persönlichen Welt, die sich zum Großteil aus gut bekannten Zielen zusammensetzt (Arbeitsplatz, Supermarkt, Wohnung, Tanzlokal, usw.) mit ein paar Verbindungen dazwischen (im Auto sitzen, in der U-Bahn stehen, die Rolltreppe hinaufgehen, usw.) und einer klitzekleinen Chance eine völlig neue Erfahrung zu machen oder neue Orte zu entdecken. Mensch könnte die Schnellstraßen aller EU-Staaten durchfahren ohne dabei etwas anderes zu sehen als Asphalt und Rastplätze, so lange mensch im Auto bleibt. Weil wir auf unseren festgelegten Bahnen gefangen sind können wir uns ein tatsächlich freies Reisen nicht vorstellen, Expeditionen, die uns immer wieder in direkten Kontakt mit völlig neuen Leuten und Dingen bringen.
Stattdessen stecken wir in Verkehrsstaus fest, umgeben von hunderten von anderen Menschen, die in derselben misslichen Lage wie wir selbst stecken, aber von denen wir durch unsere Blechkarossen getrennt werden. Dadurch erscheinen sie uns eher als Objekte auf unserem Weg anstatt als Mitmenschen. Wir denken wir erreichen mehr Dinge und Orte der Welt durch unsere modernen Transportmittel, aber tatsächlich sehen wir, wenn überhaupt, viel weniger von all den Dingen und Orten. Während unsere Transportmöglichkeiten steigen, wuchern unsere Städte immer weiter in die Landschaft hinein. Je mehr sich die Transportstrecken vergrößern, desto mehr Autos werden benötigt. Mehr Autos beanspruchen mehr Raum und deshalb wächst die Distanz immer weiter an. Bei diesem Tempo werden Autobahnen und Tankstellen eines Tages all das ersetzen, das uns am Anfang eine Reise wert war.
Einige von uns blicken auf das Internet als die “letzte Grenze”, als einen freien, noch nicht völlig entwickelten Raum, der viel Entdeckungen zu bieten hat. Der Cyberspace mag vielleicht denjenigen, die es sich leisten können, einen gewissen Grad an Freiheit bieten, aber was auch immer er uns bietet, er bietet es uns nur an, wenn wir unseren Körper an der Tür ablegen: Durch freiwillige Amputation. Vergiss nicht, dass du sowohl aus einem Körper als auch aus einem Geist bestehst. Ist das tatsächlich Freiheit, für Stunden gebannt auf blinkende Lichter zu starren ohne unsere Tast- und Geschmackssinne zu benutzen? Hast du das Gefühl vergessen, wie es ist, nasses Gras oder warmen Sand an den bloßen Füßen zu spüren? Oder den Geruch von Eukalyptusbäumen oder Feuerholz in der Nase zu haben? Kannst du dich an den Duft von Tomaten erinnern? Den Glanz von Kerzenschein, die Erregung beim Laufen, Schwimmen und Berühren?
Heute klinken wir uns ins Internet ein, wenn wir etwas aufregendes erleben wollen ohne dabei das Gefühl zu bekommen verarscht zu werden, denn das moderne Leben unterliegt solchen Zwängen und ist so vorhersehbar, dass wir einfach vergessen haben, wie lustvoll Aktionen und Bewegungen in der wirklichen Welt sein können. Warum sollen wir uns mit der beschränkten Freiheit zufrieden geben, die uns das Internet bieten kann, wenn es so viel mehr Erfahrungen und Gefühle hier draußen in der realen Welt zu erleben gibt? Wir sollten laufen, tanzen, Kanu fahren, das Leben in vollen Zügen genießen und neue Welten entdecken. Was für neue Welten? Wir müssen unseren eigenen Körper wieder entdecken, unsere Sinne und den Raum um uns herum. Dann können wir diesen Raum in eine neue Welt umformen, die wir nach unseren Bedürfnissen gestalten können.
Bis dahin müssen wir neue Spiele einführen. Spiele die in den besetzten Räumen dieser Welt stattfinden können, in den Einkaufszentren, Restaurants und Klassenzimmern und ihre vorgegebenen Bedeutungen zu Fall bringen, so dass wir diesen Räumen in Einklang mit unseren Träumen und Wünschen neue Bedeutungen verleihen können. Wir brauchen Spiele, die uns näher zusammenbringen, raus aus der Gefangenschaft und Isolation unserer Eigenheime und hinein in öffentliche Räume, in denen jede_r von der Hilfe und der Kreativität des Anderen profitieren kann. Wir werden Gedichte in Fabriken vortragen, Konzerte auf der Straße geben, Sex in Feldern und Bibliotheken haben, kostenlose Picknicks in Supermärkten und Flohmärkte auf Autobahnen.
Wir müssen natürlich auch neue Auffassungen von Zeit einführen und neue Arten zu reisen. Versuch mal ohne Uhr zu leben, ohne dass du dein Leben der hektischen Welt angleichst. Versuch mal eine lange Reise zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu machen, so dass du alles von deinem Startpunkt bis zu deinem vorläufigen Ziel erleben kannst ohne durch eine Scheibe darauf zu blicken. Mach dich auf Entdeckung in deiner Nachbarschaft, besteige Häuserdächer, schau um die hintersten Ecken deiner Umgebung, die du noch nie bemerkt hast. Du wirst begeistert sein wie viel Abenteuer da draußen auf dich warten!