Neues Buch über den Riot in Hamburg

Im Laika Verlag ist eine Textsammlung erschienen, die sich mit dem Riot anläßlich des G20 in Hamburg auseinandersetzt. Auch unser Text Don’t try to break us – we’ll explode. Der G20-Gipfel 2017 in Hamburg – umfassender Bericht und Analyse . . . wurde mit abgedruckt.

Hier der Klappentext:

Die vielfältigen Formen von Protest und Widerstand gegen den G20-Gipfel in Hamburg liegen mittlerweile ein dreiviertel Jahr zurück. Sie haben ein sehr unterschiedliches mediales und politisches Echo hervorgerufen und der öffentliche Kampf um die Deutungshoheit über das Geschehen dauert weiter an. Aber auch innerhalb der linken Bewegung sind die Ereignisse umstritten und die diesbezüglichen Positionen sehr heterogen, insbesondere was die Bewertung der Vorgänge am Freitagabend, den riot, betrifft, um den es im vorliegenden Buch gehen wird. Innerhalb dieser Haltung reichen die Positionen von der euphorischen Feier des riots bis hin zur kritischen Sicht auf G20 als Niederlage. Einige Positionierungen haben wir versucht hier darzustellen. Dabei kann dem riot auf verschiedenen Ebenen begegnet werden. Bei der Auswahl der Beiträge war uns wichtig, sowohl eine möglichst große Bandbreite innerhalb der Diskussionen der radikalen Linken zu erfassen als auch keine Beiträge zu verwenden, die sich jenseits einer kritischen Bezugnahme einfach vom Geschehen distanzieren und damit staatliche Deutungsmuster reproduzieren, statt sich ihnen zu entziehen. Der Titel eines Beitrages von Karl-Heinz Dellwo drückt somit die dem Band zugrunde liegende Haltung aus: Nicht distanzieren.

Das Buch gliedert sich in mehrere Teile. Auf die als Einführung konzipierten Annäherungen, die einen ersten Überblick über das Thema beinhalten, folgt ein längerer, chronologisch aufgemachter Bericht, der die Ereignisse der Protestwoche in Hamburg ausführlich schildert und die dortige Atmosphäre lebendig werden lässt. Es folgen kürzere Beiträge, die sich, unmittelbar aus dem Eindruck des Geschehens heraus entstanden, mit dem riot beschäftigen, und weitere, die ihn aus unterschiedlichen Blickwinkeln thematisieren. Enthalten sind identitäts- bzw. ideologiekritische medientheoretische, diskursanalytische, politische, soziale, subjektive und philosophische Ansätze und Herangehensweisen. Anschließend folgen zwei längere Texte, die den riot im Kontext der politökonomischen Entwicklung analysieren, indem sie insbesondere auf seine Beziehung zu den Produktions- und Arbeitsverhältnissen in der kapitalistischen Ökonomie hinweisen und ihn auch sozialgeschichtlich verorten. Der Artikel von Joshua Clover wurde eigens für dieses Buch übersetzt und liegt damit erstmals in deutscher Sprache vor. Achim Szepanski folgt der Sichtweise Clovers und untersucht den riot als Teil der globalen Zirkulationskämpfe. Den letzten Teil des Buches nehmen Beiträge ein, die die andere Seite der Barrikade analysieren, das staatliche Vorgehen gegen den Protest. Abgeschlossen wird das Buch durch den Versuch, die staatliche Repression, welche wir in Hamburg deutlich beobachten konnten, als Teil einer umfassenden, aber weniger sichtbaren Tendenz zu begreifen, sie in in einen breiteren Kontext von technologischen, gesellschaftlichen und politischen Prozessen einzuordnen sowie geeignete theoretische Begrifflichkeiten zu finden, welche die Vorgänge und Entwicklungen möglichst adäquat erfassen können.

Bestellen könnt ihr das Buch:
bei den Herausgebern
bei Black Mosquito
– mit der ISBN: 978-3-944233-91-8 im netten Buchladen um die Ecke

Neuauflagen

Im Oktober 2017 sind unsere beiden Veröffentlichungen im Unrast Verlag in zweiter Auflage erschienen.
Korrigiert wurden sie auch ein bisschen.
Bestellen könnt ihr sie bei Black Mosquito – oder klassisch im Buchhandel.

Außerdem in nunmehr 4. Auflage erschienen: der anarchistische Aufruf ‚Alles verändern!‘

Kostenlos bestellen.

Polizeiliche Hausdurchsuchungen und Soliaktionen

Das Nachspiel des G20 in Hamburg geht weiter

In den frühen Morgenstunden des 5. Dezember 2017 durchsuchte die Polizei mehr als 20 Wohnungen, Projekte und WGs in ganz Deutschland – eine Fortführung ihres erfolglosen Versuchs Demonstrationen gegen den G20-Gipfel in Hamburg brutal zu unterdrücken. Die Soko Schwarzer Block begründete die Durchsuchungen mit den Geschehnissen am Rondenbarg, wo die Polizei einer Demonstration den Weg versperrte, die Menge angriff und zahlreiche Menschen zum Teil schwer verletzte. Soliaktionen und Demonstrationen fanden daraufhin in Hannover, Stuttgart, Freiburg, Hamburg, Flensburg, Göttingen und Berlin statt.

Soli-Aktion in Göttingen

Fabio, der am Rondenbarg verhaftet worden war und vier Monate in Haft verbrachte, wurde zum Symbol der skandalösen Lügen, die Polizei und Justiz über diesen Polizeiangriff verbreiteten.„Antifa-Schweine: Das ist euer Frühstück“ riefen die Beamten während sie 14 Menschen eine Mauer hinunter traten. Die Folge: Knochenbrüche und weitere schwere Verletzungen.

Seit panorama (NDR) ein Polizeivideo von der Situation veröffentlicht hat, können wir alle die unterschiedlichen Versionen der Geschehnisse direkt damit vergleichen. Ein weiteres von Panorma veröffentlichtes Polizeivideo zeigt noch mehr Polizeigewalt, und keinerlei Gewalt seitens der Demonstrant*innen. Geschichte wird von den Mächtigen geschrieben und was wir hier gerade miterleben ist die Produktion von Wahrheit. Die Wahrheit, die Gerichte und Polizei zu definieren versuchen ist nicht kompatibel mit den Erfahrungen tausender Menschen, die ohne erkennbare Anlässe brutal verprügelt, von Wasserwerfern verfolgt und mit Pfefferspray malträtiert wurden.

Der offizielle Vorwurf ist Landfriedensbruch. Aber sogar der Polizeisprecher bestätigte, dass es bei den aktuellen Durchsuchungen nicht um das Auffinden von Beweisen bezüglich konkreter Handlungen auf der Demo ging, sondern darum, Strukturen zu durchleuchten und die Organisator_innen der Riots zu finden. In anderen Worten: Das explizite Ziel der Polizei ist, Widerständigkeit durch Gewalt und andauernde Unterdrückung zu unterbinden.

Die Intention der Polizei ist, die von ihnen angegriffenen Menschen nun als Randalierer_innen zu präsentieren und zu stigmatisieren. Sie durchsuchten sogar die Wohnungen von Gewerkschaftsmitgliedern, was einer der Gründe sein könnte, weshalb sogar Mainstream-Medien die Durchsuchungen als PR-Bluff beschrieben. Den Betroffenen wird nichts weiter vorgeworfen, als an einer Demonstration teilgenommen zu haben aus der heraus auch Steine und Pyrotechnik geworfen wurden – konkrete Werfende erwartet die Polizei auch durch die Razzien nicht zu finden.

Die Prioritäten des Staates, der mit aller Gewalt gegen populäre Protestbewegungen vorgeht und auf der anderen Seite perfekte Bedingungen für Nazis schafft, werden auch an einer kürzlich veröffentlichten Zahl deutlich: Über 500 Nazis leben derzeit mit offenen Haftbefehlen im Untergrund – Zahl steigend.
Die Polizei hat darüberhinaus angekündigt noch in diesem Jahr 3000 Verfahren gegen Beteiligte an den G20-Protesten zu eröffnen. Die Durchsuchungen waren also nur der Anfang.

In den Mainstream-Medien wurde Fabios couragierte Prozesserklärung zum Teil als naiv dargestellt, doch überraschenderweise hat sogar der NDR betont, dass es möglich sein muss, Demokratie als solche zu kritisieren, da sie offenkundig nicht in der Lage sei wachsende finanzielle Ungleichheiten und Ressourcenknappheit effektiv zu bekämpfen.

Wir sollten unsere Computer verschlüsseln, unsere Zimmer aufräumen und miteinander Erfahrungen austauschen, wie es ist, wenn die Polizei Fotos, Emails und unsere Unterwäsche durchstöbert. Wir können über unsere Ängste und deren Gründe reden und darüber wie wir einander unterstützen können. Wir sollten Soliaktionen organisieren. Darüberhinaus sollten wir die aktuelle Situation jedoch auch verstärkt nutzen, um über unsere Erfahrungen und unsere Vision einer Welt ohne Polizei zu reden.

Soli-Aktion in Flensburg

Weiterführendes:
United We Stand: Solidarity campaign against G20 repression
Weitere Details über die Hausdurchsuchungen (englisch)
CrimethInc.’s Report über die G20 Proteste
Fotos von der Hausdurchsuchung und den Soli-Aktionen in Göttingen
Erste Stellungnahmen einiger Betroffener.