Die Polizei Plakat

Das Polizei Plakat ist nun in einer Version erschienen, die an die Situation in der BRD angepasst wurde. Das Plakat kann gedruckt bei black-mosquito bestellt werden – oder hier als Kopiervorlage runtergeladen werden.

Text der Vorderseite:

Diejenigen, die einfache Autodiebe auf der Flucht erschießen; die Abschiebehäftlinge misshandeln. Jene, die Ge­fangene in ihren brennenden Zellen verrecken lassen. Diejenigen, die Akten über Millionen von Menschen führen; die uns mit Kameras und angezapften Telefonen überwachen. Diejenigen, die mit Pfefferspray, Wasserwerfern und Knüppeln gegen Demonstrationen vorgehen; die den Bossen bei jedem Streik den Rücken frei halten. Diejenigen, die – weltweit – zwischen jedem hungernden Menschen und den vol­len Kaufhausregalen stehen; zwischen jedem Obdachlosen und den leerstehenden Gebäuden; zwischen jeder Immigrantin und ihrer Familie. Jene, die dafür sorgen, dass alles so bleibt, wie es ist.

In jeder Nation, zu jeder Zeit sagt ihr uns, dass wir uns ohne euch gegenseitig umbringen würden.

Aber wir wissen ganz genau, wer die Mordenden sind.

Wir lassen uns nichts mehr von euch gefallen!

Auf der Rückseite der Text „Sieben Mythen über die Polizei“

Kopiervorlage als PDF

Brief an den
Schwarzen Block von Ägypten

Wir präsentieren hier auf arabisch und englisch einen offenen Brief von Teilnehmer_innen an Schwarzen-Block-Aktionen in den Vereinigten Staaten an Teilnehmer_innen des ägyptischen Schwarzen Blocks. Er zielt auf den Beginn eines Dialoges ab, der über den Austausch von Youtube-Videos hinaus geht. Das ist für alle auf der Welt von Interesse, die für Befreiung kämpfen, also druckt und verbreitet ihn.

Das Auftauchen des Schwarzen Blocks in Ägypten zu diesem Zeitpunkt sollte uns nicht so sehr überraschen, wie es die Pazifist_innen und Autoritären überrascht. Die Kämpfe des 21. Jahrhunderts werden weder auf den gewaltfreien zivilen Ungehorsam noch auf den Reformismus beschränkt bleiben; sie kommen nicht umhin, in einen offenen Konflikt mit dem Staat zu geraten. Außerdem werden sie, dem Umfang und Charakter nach, zunehmend international. Wann immer irgendwo auf der Welt jemand für seine eigenen Belange aufsteht – wie ungeschickt und bescheiden auch immer – dann setzt das einen Präzedenzfall für die nächste Generation des Widerstandes. Lasst uns dafür sorgen, dass wir uns der Lage gewachsen zeigen.


An den Schwarzen Block von Ägypten.

Von einigen „Anarchist_innen des Schwarzen Block“ in den Vereinigten Staaten

Ihr schlagt den Ton an – er klingt in uns.

Es ist uns eine Ehre an euch zu schreiben – wegen eures Mutes im sich weiter entfaltenden Kampf in Ägypten.

Anderthalb Jahrzehnte lang haben wir in den Vereinigten Staaten und anderswo in der Welt an Schwarzen-Block-Aktionen teilgenommen. Natürlich repräsentieren wir nichts und niemanden; der Schwarze Block ist eine Taktik, keine Gruppe – das ist es auch, was ihn für unsere Herrscher so furchterregend macht. Jedoch würden wir, auf Grundlage unserer Erfahrung mit dieser Taktik, gerne einige unserer Perspektiven teilen, in der Hoffnung, einen expliziteren interkontinentalen Dialog zu etablieren.

Wir standen bereits in eine Art Dialog mit euch, indem wir Signale der Revolte über den Ozean austauschten. Wir haben hier Berichte über euren Kampf zirkulieren lassen und nun sehen wir Fotos und Videos unserer Aktionen in Youtube-Kollagen aus Ägypten. Aber wir wollen mehr Dialog als es Youtube-Kollagen erlauben. Wir wollen in der Lage sein auch über Strategie, Taktik und Ziele zu diskutieren.

Vorneweg und vor allem: Ihr seit nicht alleine. Ihr seid Teil eines in der ganzen Welt stattfindenden Kampfes gegen unterdrückende Macht. Die gleiche Wirtschaft, die Ägypten ausplündert, richtet unser Leben und das Land hier in den Vereinigten Staaten zugrunde. Dieselben Netzwerke bewaffneter Kräfte, die euch in Kairo mit Tränengas eindecken, halten die „Ordnung“ in New York City aufrecht. Wenn wir in diesem Kampf irgendetwas gewinnen wollen, können wir das nur international.

Es ist beschämend, dass wir so lange brauchten, um euch auf arabisch zu schreiben – was zeigt, wie unvorbereitet wir für die Möglichkeiten sind, die uns die Geschichte bietet. Aber dass könnte sich in den kommenden Jahren schnell ändern. Es wird sich ändern müssen.

Wir haben unsere Erfahrung mit der Schwarzen-Block-Taktik unter Bedingungen gesammelt, die ihr wohl ungünstig nennen würdet – als eine kleine Minderheit, die gegen stabile Machtstrukturen agierte, ohne viel Unterstützung vom Rest der Gesellschaft. Der Schwarze Block kam in diesem Kontext auf und es ist interessant, ihn in einer Situation allgemeinerer Revolte auftauchen zu sehen.

Tatsächlich sind alle von der Langlebigkeit des Schwarzen Blocks überrascht. Immer wieder wurde er für tot erklärt, aber dennoch kommt er immer wieder zurück. Das liegt daran, dass er, wie Anonymous, den Geist unserer Zeit ausdrückt. In eine Ära, in der enorme Ungleichheit durch Überwachung und Kontrolle aufrechterhalten werden, kommt keine bedeutsame Bewegung ohne Anonymität und Zusammenstöße mit der Polizei aus.

Der Schwarze Block ist wichtig, weil er dieser Anonymität und dem Widerspruch einen politischen Inhalt gibt: Er verknüpft besondere Kämpfe gegen Unterdrückung mit der Möglichkeit eines verallgemeinerten Kampfes gegen jede beherrschende Macht. Es ist ein Coup, den anonymen, kollektive Konfrontationen mit den Autoritäten die „Marke“ anarchistisch zu verpassen – das bedeutet, dass alle, die für sich gegen die Autoritäten aufstehen, sich früher oder später fragen müssen, was ihre Beziehung zu den Kämpfen anderer ist.

Es passt, dass der Schwarze Block in Ägypten zum zweiten Geburtstag einer Erhebung auftaucht, die nur eine Tyrannei durch eine andere ersetzt hat. Die durch den Kapitalismus und die Regierung verursachten Probleme können nicht durch einen bloßen Austausch der Regimes gelöst werden. Es wird ein grundsätzlicher Kampf nötig sein – das Auftauchen von gesellschaftlichen Formationen, die sich gegen Regierung und Kapitalismus verteidigen können. Es geht weder darum, Forderungen an diejenigen an der Macht zu stellen, noch kann man das einfach dadurch erreichen, dass man die Paläste der Präsidenten angreift. Es ist nötig, dass wir den Herrschaftsstrukturen überall entgegentreten wo sie erscheinen und dabei unsere Strategie verändern, weg vom bloßen Protest, hin zur Geltendmachung einer anderen Lebensweise.

Die Kritiken am Schwarzen Block in Ägypten sind uns alle wohlbekannt – wir haben die Reaktionäre seit 1999 aus demselben Drehbuch vorlesen sehen: Ihr werdet für die Gewalt der Polizei verantwortlich gemacht, während die Polizei immer genau so gewalttätig ist, wie sie zu sein hat, um ihre Vorherrschaft zu behaupten; ihre andauernde Gewalt wird überhaupt nur sichtbar, weil ihr dem Widerstand leistet. Leute mit mehr Privilegien und Macht als ihr beschuldigen euch, verzogene reiche Kids zu sein. Diejenigen, die nicht Willens sind, dergleichen Risiken auf sich zu nehmen, beschuldigen euch der Feigheit. Diejenigen, die andere Ziele haben als ihr, beklagen, dass ihr unstrategisch seid. Diejenigen, denen Demokratie die Verstärkung ihrer eigenen Stimme bedeutet, bestehen darauf, dass ihr euch dem Mehrheitsgesetz unterordnen sollt – um euch zum Schweigen zu bringen. Diejenigen, die von ausländischer Militärhilfe abhängen, die sich dem ausländischen politischen Druck beugen und das ägyptische Volk verkaufen, beschuldigen euch, ausländische Taktiken zu importieren. Mehr als alles andere tun die Autoritäten jeder Spielart alles in ihrer Macht stehende, um euch von anderen zu isolieren, die vielleicht Widerstand leisten könnten.

Das ist nach unserer Erfahrung tatsächlich das größte Risiko bei der Verwendung der Schwarzen-Block-Taktik: Indem man der Anonymität und dem Kampf eine Identität gibt, bietet man den Autoritäten eine Möglichkeit aus uns ein „Anderes“ zu machen und so unsere Revolte und Ideen unter Quarantäne zu stellen. Es ist ein Fehler, wenn wir uns selbst vom Rest der Gesellschaft getrennt sehen. Der Schwarze Block ist nur solange machtvoll und gefährlich, solange er ein Raum einer Revolte bleibt, in den jede_r eintauchen kann – die Spitze des Eisbergs von etwas viel Breiterem. Unsere Herrscher fürchten keine Anarchist_innen – sie fürchten, dass sich anarchistische Werte und Praktiken ausbreiten.

Es ist wichtig, keinen Gegensatz dazwischen aufzubauen „zu unseren Zielen zu stehen“ und an Bewegungen teilzunehmen, die größer sind als wir. Einerseits muss klar sein, dass wir alle Formen der Herrschaft ablehnen; wenn wir das nicht tun, müssen alle immer wieder aufs neue lernen, wie wenig die Polizei und die von ihr aufgezwungene Armut sich von einer Regierung zur nächsten ändern. Darum sollten wir unsere Werte nicht unter demselben Banner der Demokratie verstecken, das auch den Machthunger anderer verkleidet: So legitimieren wir nur die Strukturen, die später gegen uns verwendet werden. Gleichzeitig müssen wir eine Offenheit aufrechterhalten, die es ermöglicht, dass Taktiken und Ideen zirkulieren. Anarchismus ist keine Identität, er hat für sich keine Bedeutung, er ist eine Beziehung, die sich ausbreiten muss.

In den Vereinigten Staaten sind Anarchist_innen auf beiden Seiten dieser Dichotomie in die Irre gegangen. Oft haben wir als Stoßtruppe und kostenlose Arbeiter für liberale Zwecke gedient und große Risiken auf uns genommen, um ihr Tagesprogramm voran zu bringen, während wir es nicht schafften, in Übereinstimmung mit unseren eigenen Analysen zu handeln. Wir hofften, das würde uns mit dem Rest der Gesellschaft verbinden, aber Verbindungen, die darauf beruhen, dass wir unsere Werte verbergen, sind bedeutungslos.

In anderen Situationen haben Anarchist_innen so gehandelt, als ob wir unsere Ziele alleine erreichen könnten und sich dabei in einem Privatkrieg mit der Polizei aufgerieben, bei dem alle anderen meinten, dass er nichts mit ihnen zu tun habe. Sicherlich können wir nicht auf den Massenkonsens warten, um mit unserem Projekt der Revolte zu beginnen, wir können andere in der Revolte nur finden, wenn wir uns selbst erheben – aber der Punkt ist, andere zu finden. Immer wieder fanden wir unsere eigenen Träume zu kühn, um sie vorzuschlagen, nur um dann zu sehen, wie andere Leute sie spontan zur Geltung bringen. Tatsächlich ist für uns die Zeit reif dafür, unsere Vorschläge voranzutreiben: Der Kapitalismus ist auf der ganzen Welt in der Krise und bald werden Millionen zwischen dem Totalitarismus und einer Art von Freiheit wählen müssen, die keine Regierung bieten kann.

Wenn es wahr ist, dass der Staat unsere Probleme nicht lösen kann, dann werden alle, die seine Autorität handhaben wollen, sich selbst diskreditieren, sobald sie an die Macht kommen. Je früher all die Muslimbruderschaften dieser Welt sich mit dem Staat verbinden, desto besser: Das wird die Dinge für diejenigen klären, die noch nicht verstanden haben, warum alle Anarchist_innen sein sollten. Wenn die Oppositionsparteien sich den Regierenden in dem Ruf anschließen, die Leute sollten von der Straße wegbleiben und die Straßen trotzdem voll bleiben, dann legt dies nahe, dass die Leute dabei sind zu kapieren. In dieser Situation könnten Anarchist_innen dabei helfen, Regimewechsel in soziale Revolutionen zu verwandeln, die das Alltagsleben vollständig umwälzen.

Die US-Regierung braucht in Ägypten eine Regierung, mit der sie die für den weltweiten Kapitalismus notwendige Rohstoffentnahme koordinieren kann. Der Schwarze Block macht ihr Angst, weil er mit ihrer Konzeption von Politik unvereinbar ist – er bietet niemanden an, mit dem man verhandeln könnte. Sie will alle politischen Parteien in „Gespräche“ bringen, um alle in ihre Machtstruktur einzuordnen. Wir wollen den Kampf den politischen Parteien vollständig aus den Händen nehmen und Gespräche unter Leuten statt mit Parteien und Regierungen einführen. Wir versuchen Kämpfe zu verbreiten, in denen wir direkt mit anderen kommunizieren und sie inspirieren, so wie ihr uns inspiriert habt.

Wir werden diesen Dialog in der sinnvollsten uns möglichen Weise fortführen – indem wir die Machtstrukturen hier in den Vereinigten Staaten in Frage stellen, die diejenigen in Ägypten und anderswo in der Welt stützen. Aber wenn irgendwer von euch uns Berichte von euren Kämpfen schicken oder Materialien vom Englischen ins Arabische und umgekehrt übersetzen könnte, wären wir hocherfreut, von euch zu hören. Mögen wir uns auf den Straßen einer staatenlosen Gesellschaft treffen.

rollingthunder +@+ crimethinc.com

Quelle der deutschen Übersetzung: magazinredaktion.tk/black-bloc-egypt.php

Open Letter to the Egyptian Black Bloc – arabic (PDF)

Open Letter to the Egyptian Black Bloc – english (PDF)

Open Letter to the Egyptian Black Bloc – german (PDF)

Das Produkt ist das Exkrement der Tat

(von Jeannette Winterson, erschienen in Days of War)

„Manchmal“ sagte Julia „fühle ich die Vergangenheit und die Zukunft so stark an mir zerren, dass gar kein Raum mehr für die Gegenwart bleibt.“

Ehrlich! Wann hast du dass letzte mal einen ganzen Tag damit verbracht, einfach das zu genießen, was du gerade gemacht und gefühlt hast? Genuss um seiner selbst willen, ohne dabei an die Zukunft zu denken oder dir über die weit in der Zukunft liegenden Konsequenzen Sorgen zu machen?

Wann hast du das letzte Mal einen ganzen Monat auf diese Weise gelebt?

Tust du dich schwer, deine Verantwortlichkeit zu vergessen, deine Ziele, deine Produktivität, und nur im Hier und Jetzt zu sein?

Heutzutage dreht sich unser Leben um Dinge. Wir bestimmen unseren Wert als Ausdruck unserer materiellen Besitztümer: als Ausdruck unserer Kontrolle über Dinge, die außerhalb von uns Selbst stehen. Wir beurteilen unseren Erfolg im Leben in Bezug auf unsere „Produktivität“, d.h. in Bezug auf unsere Fähigkeit diese Dinge zu erzeugen. Unser soziales System dreht sich mehr als alles andere um die Produktion und Konsumption von Gütern. Auch wenn wir dabei nicht an materielle Objekte denken, so stellen wir uns gegenseitig unser Leben als Ding dar: Wir äußern unsere Glückwünsche, unsere Zukunftsaussichten, unsere soziale Stellung… alles, nur nicht wie wir uns gerade fühlen. Das Resultat rechtfertigt die Mittel, sagen wir. Das heißt, das Produkt unserer Handlungen, das Endresultat unseres Lebens ist uns wichtiger als der Lauf des Lebens selbst.

Aber Produkte sind die Exkremente von Taten. Das Produkt ist was übrig bleibt wenn der Staub fällt und der Puls sich normalisiert, wenn der Tag zu Ende ist und der Sarg in den Boden herabgelassen wird. Wir existieren nicht im gefallenen Staub oder in einer Wertauflistung; wir sind hier in der Gegenwart, im Prozess des Handelns, des Erschaffens und Fühlens. Genau wie wir versuchen uns unsterblich zu machen, indem wir uns in die Welt starrer, unsterblicher Abbilder fliehen, genau so fliehen wir vor uns selbst wenn wir lieber an das Resultat unserer Handlungen denken anstatt die Erfahrung dieser Handlungen selbst mitzunehmen. Letztendlich ist es ja auch ziemlich kompliziert dir tatsächlich die Frage zu stellen, ob du dich gerade wirklich wohl fühlst und was du gerade tatsächlich im Moment für Gefühle hast. Es ist wesentlich einfacher sich auf die Resultate zu konzentrieren, die anstrengenden Anzeichen deines Lebens. Es scheint so als seien diese Dinge einfacher zu verstehen und einfacher zu kontrollieren.

Natürlich ist der/die durchschnittliche ArbeiterIn heutzutage gewohnt über das Resultat anstatt die Mittel nachzudenken. Der Großteil der Zeit und Energie wird für einen Job aufgewendet, der eigene Träume höchstwahrscheinlich nicht erfüllt. Jeden Monat wird auf den Zahltag gewartet, denn aus der Gehaltsabrechnung errechnet sich der Sinn des Lebens: Ohne ihn würde mensch sich fühlen, als vergeude er sein Leben. Wenn er die „Konsequenzen“ seiner Handlungen nicht als Rechtfertigung für sie ansehen würde, dann wäre das Leben unerträglich – was wäre wenn mensch ständig daran denken würde was er fühlt während er Waren verpackt, oder wenn er sich jedes Mal bei dem Kampf mit der streikenden Faxmaschine fragen würde ob er Spaß dabei hat? Gerade weil die Alltagserfahrungen im Leben so berechenbar und bedeutungslos sind, konzentrieren sich die Menschen vielmehr auf das kommende Wochenende, den nächsten Urlaub, die nächste Anschaffung, nur um nicht durchzudrehen. Und schließlich sind sie dazu gezwungen diese Denkweise auch auf andere Teile ihres Lebens auszuweiten: mensch beginnt damit mögliche Handlungen nach dem zu beurteilen, was für einEn dabei herausspringt, genau so wie sich dafür entschieden wird einen Job anzunehmen sobald die Bezahlung stimmt.

Deshalb hat für den modernen Menschen die Gegenwart fast alle Bedeutung verloren. Stattdessen wird das Leben damit verbracht ständig die Zukunft zu planen: Mensch studiert lieber für einen Abschluss als für die Freude am lernen; bei der Entscheidung einen Job anzunehmen überwiegt das Bedürfnis nach sozialem Status, Wohlstand und „Sicherheit“ vor dem Freude an ihm zu haben; mensch spart lieber Geld für große Anschaffungen und Urlaubsreisen, als dass er sich von der Lohnsklaverei freikauft um seine Ganztagsfreiheit zu genießen. Wenn er tiefe Zufriedenheit mit einem anderen Menschen erlebt, dann versucht er diesen Moment einzufrieren, um ihn zu einem permanenten Bestand zu machen (einem Vertrag), indem geheiratet wird. Sonntags geht’s in die Kirche in der er erzählt kriegt, dass gute Taten vollbracht werden müssen um ewiges Heil zu erfahren, anstatt es einfach aus Hilfsbereitschaft zu tun (wie NietzsChe sagt: Der gute Christ will immer noch gut bezahlt werden). Die „aristokratische Missachtung der Konsequenzen“, die Fähigkeit des Handelns wegen zu Handeln, ist weit von ihm entfernt.

Die moderne Gesellschaft konzentriert sich eher auf die Produktion und Verteilung von materiellen Waren, als auf das Glück und die Zufriedenheit ihrer Teilnehmer. Daher denkt der moderne Mensch über sein leben eher in Bezug auf das was er vorzuweisen hat nach, als dass er über das Leben selbst nachdenkt.

Es ist ein Klischee, Männer und Frauen aus der Mittelklasse und im mittleren Alter würden sich schwer tun, ihre Versicherungspolicen und Investment Programme zur Seite zu legen um den Moment auszukosten. Denn auch wir machen es oft nicht anders und vertauschen die Gegenwart mit der Zukunft und die Erfahrungen mit den Souvenirs. Wir behalten Erinnerungsstücke, Pokale, Kisten mit Andenken, alte Briefe, als ob das Leben für später gesammelt und geordnet werden könnte … für später? Wann? Das Leben findet im Hier und Jetzt statt, es durchfließt uns wie einen Fluss; und wie ein Fluss kann es nicht angehalten werden ohne dass es dabei seinen Zauber verlieren würde. Je mehr Zeit wir damit verwenden es „aufzubewahren“ desto weniger haben wir, um uns hineinzuschmeißen.

Die schlimmsten von uns sind tatsächlich die Radikalen und KünstlerInnen. Allzu oft wenden wir „RevolutionärInnen“ unsere Bemühungen dafür auf, um über eine Revolution zu reden und nachzudenken, die „irgendwann kommen wird“, anstatt uns darauf zu konzentrieren die Revolution in der Gegenwart zu machen. Wir sind so daran gewöhnt in Produktionsweisen zu denken, dass selbst wenn wir versuchen das Leben zu etwas sofort stattfindendem und zu etwas Aufregendem zu machen, wir dabei enden unsere Energie auf ein Ereignis in der Zukunft zu richten – eines das wir möglicherweise nicht einmal selbst erleben werden. Und wie die ManagerInnen in den Fabriken machen wir uns mehr Sorgen um die Produktivität (die Anzahl neuer rekrutierter GläubigerInnen, das Voranschreiten der „Sache“, usw.) als darum wie wir und unsere Mitmenschen gerade fühlen und leben.

KünstlerInnen leiden unter diesem Hang am meisten; denn ihre Begabung selbst hängt davon ab Produkte aus dem Rohstoff wirklichen Lebens zu machen. In der Art und Weise wie KünstlerInnen ihre Emotionen und Erlebnisse durch Ausdruck in ihre eigene Form bringen, ist etwas von der Gier nach Dominanz des Kapitalisten. Denn der Ausdruck von Gefühlen und Empfindungen, so einzigartig und unergründlich er auch sein mag, besteht im Endeffekt immer aus einer Vereinfachung. Für den/die KünstlerIn ist es nicht genug das Leben einfach so wie es ist zu erfahren und zu genießen. Es kommt dazu dass sie ihr Leben für ihre Karriere ausschlachten, für eine Reihe von Produkten außerhalb von ihnen, so dass sich letztendlich sogar das Leben nach ihrer Karriere ausrichtet. Es kann passieren dass sie sich nicht mehr vorstellen können bei Tagesanbruch auf einem Hausdach Liebe zu machen, ohne die perfekte Szene für den neuen Roman (Exkrement!) zu planen, in dem genau das vorkommt.

Sicher, die Exkretion hat eine gesunde und notwendige Funktion für die Seele wie auch für den Körper, und es gibt in unserem Leben einen Platz für Kunst als eine Art Gefühle in die Welt einfließen zu lassen während das Herz bis zum überlaufen gefüllt ist; aber wenn du darauf besteht es zu tun obwohl es unnötig ist, zwingst du schließlich dein Herz und den Rest deines Inneren nur dazu. Wir müssen das Leben und die Erlebnisse an die vorderste Stelle setzen, nur mit dieser Absicht müssen wir der Welt begegnen, so frisch und unschuldig als wären wir Kinder, ohne Absichten die weite Grenzenlosigkeit unserer Erfahrungen zu zerfressen, zu kategorisieren, zu organisieren oder zu vereinfachen. Sonst werden wir auf unserer Suche nach den Dingen die platt gedrückt und „bis in alle Zeit“ aufbewahrt werden können das Wesentlichste, Schönste und Unmittelbarste auf der Welt übersehen. Die Vorstellungskraft sollte zuerst und vor allem dazu genutzt werden unsere alltägliche Wirklichkeit umzugestalten, nicht um sie nur symbolisch darzustellen. Wie viele aufregende Romane können schon über die Art von Leben geschrieben werden, welche die meisten von uns zurzeit führen? Lasst uns unsere Kunst leben, anstatt bloß anzustreben Kunst aus unserem Leben zu schaffen.

Lasst uns damit aufhören „Geschichte zu machen“ – wir sind alle so besessen davon ausgezeichnet zu werden – und endlich damit anfangen zu leben. Das wäre eine wirkliche Revolution!

„Aber ich sage dir, Henri, jeder Moment, den du der Gegenwart stiehlst, ist ein Moment, der für immer verloren ist. Es gibt nur das Jetzt.“

Wenn wir jemals Glück finden werden, dann wird es im Lebensprozess sein, indem wir das tun was wir tatsächlich wollen und unsere Träume leben, nicht in den Produkten unseres Lebens. Wenn wir jetzt nicht innehalten und die Gegenwart genießen, wann werden wir es sonst?